Aus: Rupert Sheldrake: Der siebte Sinn der Tiere. Scherz Verlag 1999, S. 354-373

In diesem Buch habe ich immer wieder kurz die Hauptmerkmale morphischer Felder erwähnt. Nun möchte ich diesen Begriff ausführlich erläutern und auf einige der damit verbundenen Phänomene eingehen.

Mein Interesse an diesen Ideen erwachte während meiner Forschungstätigkeit zur Evolution von Pflanzen an der Universität Cambridge. Wie entwickeln sich Pflanzen aus einfachen Embryonen zur charakteristischen Form ihrer Art? Wie nehmen die Blätter von Weiden, Rosen und Palmen ihre Form an? Wie entwickeln ihre Blüten sich auf so unterschiedliche Weise? All diese Fragen haben etwas mit dem zu tun, was die Biologen Morphogenese nennen, die Entstehung von Form (abgeleitet von den griechischen Wörtern morphé = Form und génesis = Erzeugung, Entstehen), die eines der großen ungelösten Probleme der Biologie ist.

Wenn man sich naiv mit diesen Problemen befasst, erklärt man schlicht, jede Morphogenese sei genetisch programmiert. Die einzelnen Arten befolgen einfach die Anweisungen ihrer Gene. Aber nach kurzem Nachdenken erkennt man, dass diese Antwort nicht ausreicht. Alle Zellen des Körpers enthalten die gleichen Gene. In Ihrem Körper zum Beispiel ist das gleiche genetische Programm in Ihren Augenzellen, in Ihren Leberzellen ebenso wie in den Zellen Ihrer Arme und Beine vorhanden. Aber wenn sie alle identisch programmiert sind, warum entwickeln sie sich dann so unterschiedlich?

Manche Gene kodieren die Sequenz der Aminosäuren in Proteinen, andere sind an der Steuerung der Proteinsynthese beteiligt. Sie ermöglichen es Organismen, bestimmte Chemikalien zu erzeugen. Aber damit allein läßt sich die Form nicht erklären. Ihre Arme und Ihre Beine sind in chemischer Hinsicht identisch. Würden sie zermahlen und biochemisch analysiert, wären sie ununterscheidbar. Aber sie besitzen unterschiedliche Formen. Ihre Form läßt sich nur mit etwas erklären, was über die Gene und die von ihnen kodierten Proteine hinausgeht.

Das ist leichter zu verstehen, wenn man es einmal mit der Architektur vergleicht. In einer Straße in der Stadt stehen unterschiedlich gebaute Häuser, aber was sie unterscheidet, sind nicht die Baumaterialien. Sie könnten alle aus chemisch identischen Ziegeln, Betonteilen, Hölzern und so weiter hergestellt sein. Würde man sie abreißen und chemisch analysieren, wären sie nicht zu unterscheiden. Was sie unterscheidet, sind die Pläne der Architekten, nach denen sie erbaut wurden. Diese Pläne tauchen in keiner chemischen Analyse auf.

Die Biologen, die die Formentwicklung bei Pflanzen und Tieren studieren, sind sich seit langem dieser Probleme bewusst, und seit den zwanziger Jahren vertreten viele Forscher die Ansicht, dass sich entwickelnde Organismen von Feldern geformt werden, den so genannten morphogenetischen Feldern. Sie sind so etwas wie unsichtbare Entwürfe, die der Form des wachsenden Organismus zugrunde liegen. Aber sie sind natürlich nicht von einem Architekten gezeichnet, genauso wenig wie man sich vorstellen darf, dass ein «genetisches Programm» von einem Computerprogrammierer entworfen ist. Es sind Felder: sich selbst organisierende Einflussgebiete, vergleichbar magnetischen Feldern und anderen bislang anerkannten Feldern in der Natur.

Der Begriff der morphogenetischen Felder ist zwar in der Biologie weithin anerkannt, aber niemand weiß, was diese Felder sind oder wie sie funktionieren. Die meisten Biologen nehmen an, dass sie irgendwann einmal als normale physikalische und chemische Phänomene erklärt werden können. Aber das ist nichts weiter als ein Irrglaube. Nachdem ich mich jahrelang mit den Problemen der Morphogenese herumgeschlagen und über morphogenetische Felder nachgedacht hatte, war ich zu der Schlussfolgerung gelangt, dass es sich bei diesen Feldern nicht bloß um irgendwelche mechanistischen Standardprozesse, sondern um etwas wirklich Neues handelt. Dies war der Ausgangspunkt dafür, dass ich die Idee der morphogenetischen Felder entwickelte. Zum ersten Mal habe ich sie in meinem Buch Das schöpferische Universum vorgestellt und dann in meinem Buch Das Gedächtnis der Natur weiterentwickelt. Dieser Begriff besitzt drei Hauptmerkmale:

Erstens: Morphogenetische Felder sind eine neue Art von Feld, die bislang von der Physik nicht anerkannt wird.

Zweitens: Sie nehmen Gestalt an, entwickeln sich wie Organismen. Sie haben eine Geschichte und enthalten ein immanentes Gedächtnis aufgrund des Prozesses, den ich morphische Resonanz nenne.

Drittens: Sie sind Teil einer größeren Familie von Feldern, den so genannten morphischen Feldern.

Auf diesen Prinzipien basiert das, was ich die Hypothese der Formenbildungsursachen nenne.

Die Hypothese der Formenbildungsursachen

In dieser Hypothese behaupte ich, dass es in selbst organisierenden Systemen auf allen Komplexitätsebenen eine Ganzheit gibt, die auf einem charakteristischen organisierenden Feld dieses Systems beruht, seinem morphischen Feld. Jedes selbst organisierende System ist ein Ganzes, das aus Teilen besteht, die wiederum Ganze auf einer tieferen Ebene sind. Auf jeder Ebene verleiht das morphische Feld jedem Ganzen seine charakteristischen Eigenschaften und bewirkt, dass es mehr ist als die Summe seiner Teile.

Bei Pflanzen nennt man die Felder, die für die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Körperform zuständig sind, morphogenetische Felder. Bei der Organisation von Wahrnehmung, Verhalten und geistiger Tätigkeit nennt man sie Wahrnehmungs-, Verhaltens- und geistige Felder. Bei Kristallen und Molekülen heißen sie Kristall- und Molekülfelden Bei der Organisation von Gesellschaften und Kulturen spricht man von sozialen und kulturellen Feldern. All diese Arten von organisierenden Feldern sind morphische Felder.

Morphische Felder sind, genauso wie die bereits anerkannten Felder der Physik, Einflussgebiete in der Raum-Zeit, innerhalb der und um die Systeme herum angesiedelt, die sie organisieren. Sie wirken probabilistisch. Sie beschränken den immanenten Indeterminismus der unter ihrem Einfluss befindlichen Systeme oder zwingen ihm eine Ordnung auf. Sie umfassen und verknüpfen die verschiedenen Teile des Systems, das sie organisieren. Somit organisiert ein kristallines Feld die Art und Weise, wie die Moleküle und Atome im Innern des Kristalls angeordnet sind. Ein Seeigel-Feld formt die Zellen und Gewebe innerhalb des heranwachsenden Seeigelembryos und führt seine Entwicklung auf die charakteristische ausgewachsene Form der Spezies hin. Ein soziales Feld organisiert und koordiniert das Verhalten von Individuen innerhalb einer sozialen Gruppe, zum Beispiel die Art und Weise, wie einzelne Vögel in einer Schar fliegen.

Morphische Felder führen die von ihnen beeinflussten Systeme zu charakteristischen Zielen oder Endpunkten hin. Der britische Biologe C. H. Waddington gab den kanalisierten Pfaden der Veränderung, die von morphogenetischen Feldern organisiert wird, den Namen Chreode und veranschaulichte diese Chreoden in Gestalt von Kanälen, durch die eine Kugel zum Ziel hin rollt. Die Kugel steht für die Entwicklung eines bestimmten Teils des Embryos zu seiner charakteristischen reifen Form hin, zum Beispiel dem Herzen oder der Leben Störungen in der normalen Entwicklung können die Kugel vom Boden des Kanals weg und an der Kanalwand hochdrücken, aber wenn sie nicht über die Oberkante dieser Wand hinweg in einen anderen Kanal gedrückt wird, kehrt sie wieder zum Boden des Kanals zurück, allerdings nicht zu dem Punkt, von dem aus sie gestartet war, sondern an eine spätere Position im kanalisierten Pfad der Veränderung. Dieser Vorgang steht für die embryonale Regulation, den Prozess, durch den ein sich entwickelnder Organismus trotz aller Störungen während des Entwicklungsprozesses eine normale erwachsene Form erreichen kann.

Der Mathematiker René Thom hat mathematische Modelle von morphogenetischen Feldern entwickelt, in denen die Endpunkte, auf die hin Systeme sich entwickeln, als Attraktoren definiert werden. In der Dynamik, einem Zweig der Mathematik, stellen Attraktoren die Grenzen dar, zu denen dynamische Systeme hingezogen werden. Sie ermöglichen eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Zielen, Zwecken oder Absichten.

Das umstrittenste Merkmal dieser Hypothese ist die Behauptung, dass morphische Felder sich entwickeln. Sie sind nicht für alle Zeit durch ewig gültige mathematische Gleichungen in einer Art transzendentem platonischem Reich oder durch ein Read-only-Programm in einer kosmischen CD-ROM fixiert. Ihre Struktur beruht auf dem, was zuvor geschehen ist. Sie enthalten eine Art Gedächtnis. Durch Wiederholung werden die Muster, die sie organisieren, zunehmend wahrscheinlich, zunehmend gewohnheitsmäßig.

Das erste Feld irgendeines Typs, etwa das Feld der ersten Insulinkristalle oder das Feld einer neuen Idee wie Darwins Theorie der Evolution, entsteht durch einen kreativen Sprung. Die Quelle dieser evolutionären Kreativität ist unbekannt. Vielleicht handelt es sich um einen Zufall, vielleicht um den Ausdruck irgendeiner im Geist und in der Natur angesiedelten Kreativität.

Ganz gleich, wie sich dieser Ursprung erklären läßt - sobald ein neues Feld, ein neues Organisationsmuster entstanden ist, wird dieses morphische Feld durch Wiederholung stärker. Das gleiche Muster wird wahrscheinlich wieder auftreten. Je häufiger Muster sich wiederholen, desto wahrscheinlicher werden sie - die Felder enthalten eine Art von kumulativem Gedächtnis und nehmen zunehmend den Charakter des Gewohnheitsmäßigen an. Felder entwickeln sich in der Zeit und bilden die Basis für Gewohnheiten. Aus dieser Sicht ist die Natur prinzipiell gewohnheitsmäßig. Selbst die so genannten «Naturgesetze» sind vielleicht eher so etwas wie Gewohnheiten.

Informationen oder Handlungsmuster werden von einem System auf ein folgendes System der gleichen Art durch die, wie ich es nenne, morphische Resonanz übertragen. Bei der morphischen Resonanz handelt es sich um den Einfluss von Gleichem auf Gleiches, von Handlungsmustern auf nachfolgende ähnliche Handlungsmuster, ein Einfluss, der sich durch Raum und Zeit fortpflanzt. Diese Einflüsse lassen vermutlich mit der räumlichen und zeitlichen Entfernung nicht nach, aber sie stammen nur aus der Vergangenheit, nicht aus der Zukunft. Je größer die Ähnlichkeit, desto stärker der Einfluss der morphischen Resonanz.

Die morphische Resonanz ist die Basis des inhärenten Gedächtnisses in Feldern auf allen Komplexitätsebenen. Jedes morphische System, etwa ein Giraffenembryo, «schaltet sich ein» auf vorhergehende ähnliche Systeme, in diesem Fall auf vorhergehende sich entwickelnde Giraffen. Durch diesen Prozess greift jede einzelne Giraffe auf ein kollektives oder vereintes Gedächtnis seiner Spezies zurück und trägt ihrerseits dazu bei. Beim Menschen kann diese Art des kollektiven Gedächtnisses durchaus eng mit dem verwandt sein, was der Psychologe C. G. Jung das «kollektive Unbewusste» genannt hat.

Diese Hypothese erlaubt eine Reihe von Vorhersagen auf den Gebieten der Physik, Chemie, Biologie, Psychologie und der Sozialwissenschaften. Uralte Systeme wie Wasserstoffatome, Salzkristalle und Hämoglobinmoleküle werden von so starken morphischen Feldern, so tief verwurzelten Gewohnheiten gesteuert, dass sich an ihnen kaum eine Veränderung beobachten läßt. Sie verhalten sich, als ob sie von fixierten Gesetzen gesteuert würden. Im Gegensatz dazu sollten neue Systeme neue Kristalle, neue Formen von Organismen, neue Verhaltensmuster, neue Ideen eine zunehmende Tendenz aufweisen, sich selbst hervorzubringen, je öfter sie wiederholt werden. Sie sollten zunehmend wahrscheinlicher, immer gewohnheitsmäßiger werden. Bei der morphischen Resonanz geht es um nichtlokale Wirkungen im Raum wie in der Zeit. Hier ein Überblick über die hypothetischen Eigenschaften morphischer Felder, wie ich sie in meinem Buch Das Gedächtnis der Natur dargelegt habe:

1. Sie sind selbst organisierende Ganzheiten.

2. Sie besitzen sowohl einen räumlichen als auch einen zeitlichen Aspekt und organisieren räumlich-zeitliche Muster von rhythmischer Aktivität.

3. Durch Anziehung führen sie das unter ihrem Einfluss stehende System zu bestimmten Formen und Aktivitätsmustern hin, deren Entstehen sie organisieren und deren Stabilität sie aufrechterhalten. Die End- oder Zielpunkte, auf die die Entwicklung unter dem Einfluss der morphischen Felder zusteuert, werden Attraktoren genannt.

4. Sie verflechten und koordinieren die morphischen Einheiten oder Holons, die in ihnen liegen, und auch diese sind wiederum Ganzheiten mit eigenen morphischen Feldern. Die morphischen Felder verschiedener Grade oder Ebenen sind ineinander verschachtelt, sie bilden eine Holarchie.

5. Sie sind Wahrscheinlichkeitsstrukturen, und ihr organisierender Einfluss besitzt Wahrscheinlichkeitscharakter.

6. Sie enthalten ein Gedächtnis, das durch Eigenresonanz einer morphischen Einheit mit ihrer eigenen Vergangenheit und durch Resonanz mit den morphischen Feldern aller früheren Systeme ähnlicher Art gegeben ist. Dieses Gedächtnis ist kumulativ. Je häufiger ein bestimmtes Aktivitätsmuster sich wiederholt, desto mehr wird es zur Gewohnheit oder zum Habitus.

In meinen Büchern Das schöpferische Universum und Das Gedächtnis der Natur habe ich eine Vielzahl experimenteller Tests der morphischen Resonanz erörtert. Der Erfolg aller dieser Tests hängt davon ab, inwieweit sich Veränderungen in der Leichtigkeit oder Wahrscheinlichkeit feststellen lassen, mit der das wiederholte Muster erneut auftritt. Mit anderen Worten: Ich habe mich auf den Aspekt der Hypothese der Formenbildungsursachen konzentriert, den ich oben in Punkt 6 formuliert habe. Zunächst also habe ich keine Experimente vorgeschlagen, mit denen sich der allgemeine Aspekt der Hypothese der Formenbildungsursachen testen ließe, nämlich die Existenz der räumlich ausgedehnten Felder selbst, deren Merkmale in den Punkten 1 bis 5 formuliert sind. Diese Frage habe ich in meinem Buch Sieben Experimente, die die Welt verändern könnten angesprochen, und darauf werde ich später noch eingehen.

Zusammenhänge mit der Quantenphysik

Experimente zum Testen der räumlichen Aspekte rnorphischer Felder lassen auf eine Art von Nichtlokalität schließen, die gegenwärtig von der Schulwissenschaft nicht anerkannt wird. Dennoch wird sich vielleicht herausstellen, dass sie mit der Nichtlokalität oder Nichttrennbarkeit zusammenhängen, die ein integraler Bestandteil der Quantentheorie ist und Zusammenhänge oder Korrelationen über eine Distanz hinweg impliziert, die sich die klassische Physik nicht hätte träumen lassen. Albert Einstein beispielsweise war die Vorstellung einer «geistigen Aktion über eine Distanz hinweg» zutiefst zuwider - aber seine schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Neuere Experimente beweisen, dass diese Zusammenhänge von zentraler Bedeutung für die Physik sind. Noch sind wir uns über ihre umfassenderen Implikationen nicht im klaren. Vielleicht hängen sie mit dem zusammen, was ich morphische Felder nenne. Aber niemand weiß dies bislang. Die Nichtlokalität ist einer der überraschendsten und paradoxesten Aspekte der Quantentheorie: Teile eines Quantensystems, die in der Vergangenheit miteinander verbunden gewesen sind, behalten eine unmittelbare Verbundenheit, selbst wenn sie sehr weit voneinander entfernt sind. Zwei Photonen beispielsweise, die sich per definitionem mit Lichtgeschwindigkeit bewegen und die sich in entgegen gesetzten Richtungen von einem Atom entfernen, das sie ausgestrahlt hat, behalten eine direkte nichtlokale Verbundenheit - wenn die Polarisation des einen gemessen wird, weist das andere sofort die entgegen gesetzte Polarisation auf, selbst wenn die Polarisation jedes Teilchens erst im Augenblick der Messung ermittelt wurde.

Die zwei im Raum getrennten Teile desselben Systems sind durch ein Quantenfeld miteinander verbunden. Aber dies ist kein Feld im gewöhnlichen Raum, sondern es wird vielmehr mathematisch als ein vieldimensionaler Raum von Möglichkeiten dargestellt.

Genauso wie Atome und Moleküle sind auch die Angehörigen sozialer Gruppen Teile desselben Systems. Sie teilen sich ihre Nahrung, atmen die gleiche Luft, sind durch ihren Geist und ihre Sinne wechselseitig miteinander verknüpft und interagieren ständig. Wenn sie getrennt werden, können die Teile des sozialen Systems eine nichtlokale oder untrennbare Verbundenheit behalten, vergleichbar der in der Quantenphysik zu beobachtenden Verbundenheit.

Wenn dies der Fall ist, dann könnten morphische Felder im Sinne der Quantentheorie neu interpretiert werden. Dies würde auf eine enorme Ausweitung der Quantentheorie hinauslaufen, die dann auch die biologische und die soziale Organisation umfassen müßte. Das kann durchaus ein Schritt sein, den die Physik tun muss.

Ich habe mich mit dem Quantenphysiker David Bohm über den Zusammenhang zwischen der Idee der morphischen Felder und seiner Theorie der impliziten Ordnung unterhalten, einer «eingehüllten» Ordnung, die der expliziten Ordnung zugrunde liegt - der entfalteten Welt, wie wir sie erfahren. Bohms Theorie, die auf der Untrennbarkeit von Quantensystemen beruht, erwies sich als außerordentlich kompatibel mit meinen eigenen Darlegungen. Diese Zusammenhänge sind auch von dem amerikanischen Quantenphysiker Arnit Goswami sowie dem deutschen Quantenphysiker Hans-Peter Dürr untersucht worden.

Aber möglich ist auch, dass morphische Felder ein völlig neuartiges Feld darstellen, das noch nicht in irgendeiner Weise von der Physik beschrieben worden ist. Dennoch hätten sie mehr mit den Feldern der Quantentheorie gemein als mit Gravitationsfeldern oder elektromagnetischen Feldern. Ich möchte mich nun mit Beweisen befassen, die mit dem räumlichen Aspekt morphischer Felder zusammenhängen, und dann mit Beweisen, die die morphische Resonanz betreffen.

Experimente zu morphischen Feldern

Bislang ist es mir noch nicht gelungen, mir potentiell entscheidende Experimente auszudenken, um die Existenz von morphischen Feldern innerhalb von Molekülen, Kristallen, Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren zu überprüfen. Morphische Felder wirken zusammen mit bekannten Arten von Feldern und Gradienten, und im allgemeinen lassen sich die Wirkungen morphischer Felder nur schwer von möglichen Wirkungen chemischer Gradienten, von Genen, elektromagnetischen Feldern und anderen bekannten Arten der Verursachung trennen. Doch das Auftreten von morphischen Resonanzwirkungen (siehe unten) würde die Existenz solcher Felder implizieren und damit einen indirekten Beweis für ihre Existenz liefern.

Am einfachsten kann man morphische Felder direkt testen, indem man mit Gesellschaften von Organismen arbeitet. Individuen lassen sich so voneinander trennen, dass sie nicht mehr mit normalen sinnlichen Mitteln miteinander kommunizieren können. Wenn es zwischen ihnen noch immer zu einem Informationsaustausch kommt, würde dies die Existenz von Bindungen oder wechselseitigen Verknüpfungen von der Art implizieren, wie sie morphische Felder darstellen.

Als ich nach Belegen für feldartige Verbindungen zwischen Angehörigen einer sozialen Gruppe zu suchen begann, entdeckte ich, dass ich mich in Bereiche begab, von denen die Wissenschaft noch sehr wenig versteht. So weiß beispielsweise niemand, warum Gesellschaften von Termiten so koordiniert sind, dass diese kleinen, blinden Insekten komplexe Nester mit einer komplizierten Innenarchitektur bauen können. Niemand versteht, wieso Vogelscharen oder Fischschwärme die Richtung so rasch ändern können, ohne dass die einzelnen Tiere miteinander zusammenstoßen. Und niemand weiß, wie die sozialen Bande beim Menschen beschaffen sind.

Ein besonders viel versprechendes Gebiet für diese Art von Forschung sind die Bande zwischen Menschen und Haustieren, von denen in diesem Buch die Rede war.

Nach der Hypothese der Formenbildungsursachen erstrecken sich morphische Felder über das Gehirn hinaus in die Umwelt, wobei sie uns mit den Objekten unserer Wahrnehmung verbinden und auf diese durch unsere Absichten und unsere Aufmerksamkeit einwirken können. Dies ist ein weiterer Aspekt der morphischen Felder, der sich für experimentelle Tests eignet. Dies würde bedeuten, dass wir aufgrund solcher Felder Dinge beeinflussen können, indem wir sie einfach anschauen - allerdings läßt sich das nicht durch die konventionelle Physik erklären. So sind wir beispielsweise vielleicht in der Lage, jemanden zu beeinflussen, indem wir ihn von hinten anschauen, wobei er auf keine andere Weise wissen kann, dass wir ihn anstarren.

Das Gefühl, von hinten angestarrt zu werden, ist tatsächlich eine weit verbreitete Erfahrung. Experimente deuten bereits daraufhin, dass es ein reales Phänomen ist (siehe sechzehntes Kapitel). Anscheinend läßt es sich weder durch Zufall noch durch die bekannten Sinne, noch durch die derzeit von den Physikern anerkannten Felder erklären.

Die ungelösten Probleme der Navigation, Migration und des Heimfindeverhaltens von Tieren beruhen vielleicht auch auf unsichtbaren Feldern, die die Tiere mit ihren Zielen verbinden. Sie könnten praktisch wie unsichtbare Gummibänder wirken, die sie mit ihrem Zuhause verknüpfen. In der Sprache der Dynamik ausgedrückt, kann dieses Zuhause als Attraktor gelten.

Die morphische Resonanz in der Biologie

Wenn es so etwas wie morphische Resonanz gibt, dann müßten die Form ebenso wie das Verhalten von Organismen ein immanentes Gedächtnis besitzen. Wie dies bei der morphischen Resonanz generell der Fall ist, werden dann seit langem bestehende Muster der Morphogenese und des Instinktverhaltens so stark gewohnheitsmäßig sein, dass sich keine Veränderungen feststellen lassen. Nur im Falle von neuen Entwicklungs- und Verhaltensmustern kann die Bildung von Gewohnheiten beobachtet werden.

Experimente mit Fruchtfliegen haben bereits gezeigt, dass derartige Effekte auf dem Gebiet der Morphogenese vorkommen können.

Viele Indizien sprechen auch dafür, dass sich Verhalten bei Tieren rasch entwickeln kann, als ob sich ein kollektives Gedächtnis durch morphische Resonanz bildet. Insbesondere sind Anpassungen im großen Maßstab im Verhalten domestizierter Tiere auf der ganzen Welt beobachtet worden. 1947 beispielsweise hat Roy Bedichek, seinerzeit ein bekannter texanischer Naturforscher, über Veränderungen im Verhalten von Pferden geschrieben, die er im Laufe seines Lebens wahrgenommen habe:

«Vor fünfzig Jahren noch wurde frank und frei erklärt, dass Stacheldraht nie für Pferdeweiden verwendet werden könnte. Erschrockene oder herumtollende Pferde rasten direkt hinein, schnitten sich die Kehle auf oder rissen sich große Fleischfetzen von der Brust, und keineswegs tödliche Wunden oder bloße Kratzer wurden von Schmeißfliegenlarven befallen. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als man auf texanischen Farmen oder Ranches kaum ein Pferd fand, das nicht verängstigt war von schlimmen Erfahrungen mit Stacheldraht... Aber im Laufe eines halben Jahrhunderts hat das Pferd gelernt, sich vor Stacheldraht zu hüten. Fohlen rasen nur selten hinein. Der ganzen Spezies ist eine neue Angst beigebracht worden.

Als die ersten Automobile auftauchten, ging es im Pferdewagenverkehr drunter und drüber... Fahrzeuge gingen zu Bruch, und viele Leute brachen sich das Genick, als sie zu Pferd dem Automobil begegneten und das Tier daran gewöhnen wollten. Der Ruf nach Gesetzen wurde laut, Automobile von Pferden fern zu halten... [Aber] die Haustiere haben generell ihre ursprüngliche Angst vor der Lokomotive wie vor dem Automobil verloren.»

Bei dieser Veränderung geht es nicht einfach nur darum, dass Fohlen von ihren Müttern lernen. Selbst wenn sie noch nie auf Stacheldraht gestoßen oder Autos begegnet und von älteren und erfahreneren Pferden getrennt sind, reagieren die Jungtiere heute generell nicht mehr so wie ihre Vorfahren vor 100 Jahren.

Ein anderes Beispiel. Rancher im gesamten amerikanischen Westen haben herausgefunden, dass sie sich viel Geld für Weideroste sparen können, wenn sie statt dessen falsche verwenden - sie malen einfach Streifen quer über die Straße. Echte Weideroste bestehen aus einer Reihe paralleler Stahlrohre oder -schienen mit Lücken dazwischen, so dass das Vieh nicht darüber hinweglaufen kann, und jeder Versuch, dies zu tun, stellt eine schmerzhafte Erfahrung dar. Doch heute unternimmt das Vieh nicht einmal den Versuch, diese Roste zu überqueren. Die vorgetäuschten Roste funktionieren genauso wie die echten. Wenn sich das Vieh ihnen nähert, hat mir ein Rancher erklärt, «treten sie mit allen vier Beinen auf die Bremse».

Beruht das bloß darauf, dass Kälber vom älteren Vieh lernen, diese Roste nicht zu überqueren? Offenbar nicht. Mehrere Rancher haben mir gesagt, dass auch Herden, die noch nie echten Weiderosten begegnet waren, die falschen meiden. Und Ted Friend von der Texas A & M University hat die Reaktion von mehreren hundert Stück Vieh auf gemalte Roste getestet und herausgefunden, dass unerfahrene Tiere sie genauso meiden wie diejenigen, die schon einmal auf echte Roste gestoßen sind. Auch Schafe und Pferde zeigen eine Aversion dagegen, gemalte Roste zu überqueren. Diese Aversion kann durchaus auf morphischer Resonanz von früheren Angehörigen der Spezies beruhen, die auf schmerzhafte Weise gelernt haben, sich vor Weiderosten zu hüten.

Es gibt viele solcher Beispiele. Auch Daten von Laborversuchen mit Ratten und anderen Tieren zeigen, dass derartige Effekte vorkommen. Am bekanntesten sind Experimente, in denen aufeinander folgende Generationen von Ratten gelernt haben, aus einem Wasserlabyrinth zu entkommen. Im Laufe der Zeit ist es Ratten in Laboratorien auf der ganzen Welt gelungen, dies immer schneller zu tun.

Bislang ist auf dem Gebiet des tierischen Lernverhaltens nur ein spezifisch abgestimmter experimenteller Test der morphischen Resonanz durchgeführt worden. Dieses Experiment mit einen Tag alten Küken fand im Labor eines Skeptikers statt, bei Steven Rose an der Open University in England. Jeden Tag wurde Scharen von frisch geschlüpften Küken ein kleines gelbes Licht (eine Leuchtdiode) gezeigt, und sie pickten genauso danach wie nach jedem anderen auffallenden kleinen Objekt in ihrer Umgebung. Anschließend wurde ihnen eine Chemikalie injiziert, die bei ihnen eine leichte Übelkeit hervorrief. Sie assoziierten das Gefühl der Übelkeit mit dem Picken nach dem gelben Licht, und danach vermieden sie es, danach zu picken, wenn es ihnen wieder gezeigt wurde. (Diese rasche Form des Lernens nennt man «konditionierte Abneigung».) Zur Kontrolle wurde einer gleich großen Zahl von Küken eine kleine verchromte Perle vorgesetzt. Nachdem sie danach gepickt hatten, wurde ihnen eine normale Salzwasserlösung injiziert, die keine nachteiligen Wirkungen hatte und keine Abneigung dagegen hervorrief, nach der Chromperle zu picken, wenn sie ihnen wieder vorgesetzt wurde. Dieses Experiment ging von der Idee aus, dass spätere Scharen von frisch geschlüpften Küken eine zunehmende Abneigung aufweisen würden, nach dem gelben Licht zu picken, wenn es ihnen zum ersten Mal gezeigt würde, und zwar aufgrund der morphischen Resonanz von den vorherigen Küken. Sie würden auf ein kollektives Gedächtnis der Abneigung zurückgreifen, und je mehr Küken eine Abneigung gegenüber dem gelben Licht «eingeimpft» würde, desto stärker würde dieser Effekt auftreten. Bei den Kontrollküken hingegen wäre keine derartige Abneigung gegenüber der Chromperle zu erwarten. Tatsächlich entwickelten nachfolgende Scharen von Küken, denen die gelbe Leuchtdiode vorgesetzt wurde, eine zunehmende Abneigung dagegen, wie dies auf der Grundlage der morphischen Resonanz vorhergesagt war. Dieser Effekt war statistisch gesehen signifikant.

Morphische Resonanz beim menschlichen Lernverhalten

Die morphische Resonanz erlaubt viele Folgerungen, was das Verständnis des menschlichen Lernverhaltens betrifft, zu dem auch die Aneignung von Sprachen gehört. Aufgrund des kollektiven Gedächtnisses, auf das einzelne Menschen zurückgreifen und zu dem sie ihren Beitrag leisten, sollte es im allgemeinen leichter sein, das zu lernen, was andere zuvor gelernt haben.

Diese Vorstellung entspricht ziemlich genau den Beobachtungen von Linguisten wie Noam Chomsky, die dargelegt haben, dass der Spracherwerb bei kleinen Kindern so rasch und kreativ erfolgt, dass er sich nicht einfach durch Nachahmung erklären läßt. Die Struktur der Sprache ist anscheinend auf irgendeine Weise ererbt. In seinem Buch Der Sprachinstinkt führt Steven Pinker viele Beispiele an, die diese Idee bestätigen.

Dieser Prozess ist besonders verblüffend bei der Entwicklung neuer Sprachen, der sehr rasch vonstatten gehen kann. Wenn Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen, sich miteinander verständigen müssen, aber die Sprache des anderen nicht beherrschen, bedienen sie sich eines Notbehelfs, einer so genannten Mischsprache wie dem Pidgin- Englisch - holpriger Wortfolgen, die der Sprache der Kolonisatoren entlehnt sind -, ohne sich dabei groß um die Grammatik zu kümmern. Aber in vielen Fällen ist aus so einer Mischsprache auf einen Schlag eine vollständige komplexe Sprache geworden, wie etwa das Kreolische. Eine Gruppe kleiner Kinder muss dann nur mit der Mischsprache in einem Alter konfrontiert werden, in dem sie ihre Muttersprache erlernt. Historisch gesehen passierte dies vermutlich in Gruppen von Sklavenkindern, die von einem Arbeiter gemeinsam gehütet wurden, der zu ihnen auf Pidgin-Englisch sprach. «Da die Kinder sich nicht damit zufrieden gaben, die fragmentarischen Wortfolgen zu reproduzieren, fügten sie eine komplexe Grammatik ein, wo zuvor noch keine existierte, und schon war eine ganz neue, ausdrucksstarke Sprache geboren.»

Noch bemerkenswerter ist die Entwicklung neuer Zeichensprachen. In Nicaragua beispielsweise gab es bis vor kurzem überhaupt keine Zeichensprache, und darum waren gehörgeschädigte Menschen isoliert. Als die Sandinistas 1979 an die Macht kamen, wurden die ersten Schulen für Gehörgeschädigte errichtet.

«Die Schulen konzentrierten sich darauf, die Kinder im Lippenlesen und im Sprechen zu drillen, und wie immer, wenn dies versucht wird, waren die Ergebnisse kläglich. Aber das spielte keine Rolle. Auf den Spielplätzen und in den Schulbussen erfanden die Kinder ihr eigenes Zeichensystem und kombinierten es mit den Befehlsgesten, derer sie sich zu Hause bei ihren Familien bedienten. Nach kurzer Zeit entwickelte sich aus diesem System das, was man heute die Lenguaje de Signos Nicaragüense (LSN) nennt.»

Dieser Pidgin-Zeichensprache bedienen sich inzwischen gehörgeschädigte Jugendliche, die die Schule besuchten, als sie zehn Jahre oder älter waren. Ganz anders verhält es sich bei jungen Leuten, die etwa mit vier Jahren auf die Schule kamen, als LSN bereits existierte. Sie «sprechen» eine viel komplexere und ausdrucksvollere Sprache, die man als Idioma de Signos Nicaragüense (ISN) bezeichnet. Diese kreolische Sprache mit ihrer logischen Grammatik wurde mit einem Schlag geschaffen. Dazu Pinker: «Vor unseren Augen wurde eine Sprache geboren.»

Die ererbten Pläne, die das Erlernen existierender und die Entwicklung neuer Sprachen ermöglichen, sind nicht bloß allgemeine Prinzipien, die aus logischen Gründen in allen Sprachen vorhanden sein müssen. Es sind eher willkürliche Konventionen, die auch unterschiedlich gewesen sein könnten. Pinker: «Es ist, als ob voneinander isolierte Erfinder auf wundersame Weise identische Buchstabenbelegungen von Schreibmaschinentastaturen oder Morsezeichen oder Verkehrszeichen entwickelt hätten.»

Chomsky wie Pinker nehmen an, dass die Fähigkeit zum Erlernen von Sprache von einer Kodierung für universale Strukturen in der DNS abhängig sein muss, die allen Sprachen gemeinsam sind. Sie halten es für selbstverständlich, dass jede Erbinformation in den Genen verankert ist, und müssen daher die Existenz einer universalen Grammatik unterstellen, weil kleine Kinder aller ethnischen Gruppen in der Lage zu sein scheinen, jede Sprache zu erlernen ein von einer finnischen Familie adoptiertes vietnamesisches Baby beispielsweise lernt ohne Schwierigkeiten Finnisch.

Die morphische Resonanz bietet eine einfachere Erklärung. Das kleine Kind steht in Resonanz sowohl mit den Menschen, die in seiner Umgebung sprechen, als auch mit den Millionen, die die Sprache in der Vergangenheit gesprochen haben. Die morphische Resonanz ermöglicht ihm das Erlernen der Sprache, wie sie andere Arten von Lernen möglich macht. Genauso befördert die morphische Resonanz den Erwerb von Zeichensprachen durch Gehörgeschädigte, die sich in frühere Benutzer dieser Sprachen einschalten. Es ist gar nicht erforderlich, die Existenz von Genen für normale wie für Zeichensprachen zu unterstellen, die latent in der DNS aller Menschen schlummern.

Natürlich ist diese Interpretation der Sprachaneignung durch Formenbildungsursachen spekulativ. Aber das ist auch die Theorie von Genen für eine hypothetische universale Grammatik. Pinker selbst räumt ein: «Niemand hat bislang ein Grammatik-Gen lokalisiert.»

Veränderungen des menschlichen Leistungsvermögens im Laufe der Zeit

Eine Möglichkeit, die Effekte morphischer Resonanz in einem größeren Maßstab zu studieren, bieten bereits existierende Mengen quantitativer Daten über das menschliche Leistungsvermögen, die im Laufe von vielen Jahren erhoben wurden. Weist das menschliche Leistungsvermögen im Laufe der Zeit die Tendenz auf, sich zu steigern? Offensichtlich ist dies bei Fertigkeiten wie Snowboardfahren und Computerprogrammieren der Fall.

Aber derartige Steigerungen sind nur selten quantitativ dokumentiert, und die Lage ändert sich ständig aufgrund von technischen Neuerungen, einer größeren Verbreitung der entsprechenden Geräte und Ausrüstung, besseren Lehrern, sozialen und wirtschaftlichen Kräften und so weiter. Irgendwelche morphischen Resonanzeffekte ließen sich nur schwer im einzelnen nachweisen, selbst wenn entsprechende quantitative Daten existierten.

Eines der wenigen Gebiete, auf denen detaillierte quantitative Daten über Zeiträume von Jahrzehnten zur Verfügung stehen, sind die IQ- (Intelligenzquotient-)Tests. Um 1980 ging mir auf, dass, falls es so etwas wie morphische Resonanz gibt, die durchschnittliche Leistungsfähigkeit bei IQ-Tests zunehmen müßte, nicht weil die Menschen intelligenter werden, sondern weil sich IQ-Tests leichter absolvieren lassen würden - infolge der morphischen Resonanz von den Millionen Menschen, die sich ihnen bislang bereits unterzogen haben.

Ich suchte nach Daten, mit denen sich diese Hypothese testen ließe. Ich konnte weder eine Erörterung dieser Frage noch irgendwelche veröffentlichten Daten finden. Daher faszinierte es mich, als sich 1982 herausstellte, dass sich die durchschnittlichen IQ-Testergebnisse in Japan ein Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg um drei Prozent erhöht hatten. Kurz darauf wurde festgestellt (zur Erleichterung vieler Amerikaner), dass die IQs in den USA sich mit einer ähnlichen Rate erhöht hatten.

Dieser Effekt wurde in Amerika erstmals von James Flynn bei der Untersuchung der Intelligenztests der US-Militärbehörden entdeckt. Flynn fand heraus, dass Rekruten, die im Vergleich zu ihren Altersgefährten nur durchschnittlich intelligent waren, über dem Durchschnitt lagen, wenn sie mit Rekruten einer vorhergehenden Generation verglichen wurden, die exakt den gleichen Test absolviert hatten. Niemand hatte diesen Trend bemerkt, weil Tester routinemäßig nur Einzelergebnisse mit anderen Angehörigen der gleichen Altersgruppe verglichen, die zur gleichen Zeit getestet wurden - zu irgendeiner Zeit wurde das durchschnittliche IQ-Ergebnis per definitionem mit 100 angesetzt.

Inzwischen hat Flynn ermittelt, dass vergleichbare Zuwächse auch in 20 anderen Ländern, unter anderem in Australien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Holland, zu verzeichnen sind. Es wurde immer wieder versucht, diesen «Flynn-Effekt» zu erklären, aber bislang ist dies nicht gelungen. So läßt sich dieser Effekt beispielsweise so gut wie gar nicht auf die Übung im Absolvieren solcher Tests zurückführen. Derartige Tests werden ohnehin seit einigen Jahren nicht mehr so häufig durchgeführt. Auch eine bessere Bildung kann diesen Effekt nicht erklären, ebenso wenig, wie einige Wissenschaftler meinen, die Zunahme der Zeit, die fürs Fernsehen aufgewendet wird. Die IQ-Ergebnisse begannen sich schon Jahrzehnte vor der Einführung des Fernsehens in den fünfziger Jahren zu erhöhen, und dem Fernsehen wurde, wie Flynn ironisch anmerkt, gewöhnlich «ein Verblödungseinfluß» zugeschrieben, «bis sich dieser Effekt einstellte». Je mehr Forschungen inzwischen betrieben wurden, desto mysteriöser ist der Flynn-Effekt geworden. Flynn selbst bezeichnet ihn als «rätselhaft». Aber die morphische Resonanz könnte eine natürliche Erklärung liefern.

Wenn sich der Flynn-Effekt tatsächlich durch morphische Resonanz erklären läßt, dann zeigt sich, dass derartige Resonanzeffekte relativ gering sind. Wenn Millionen von IQ-Tests nur zu einem Anstieg von ein paar Prozent führen, dann werden die Effekte der morphischen Resonanz bei Experimenten mit ein paar hundert oder bestenfalls ein paar tausend Menschen wohl zu gering sein, um sie überhaupt vor dem «statistischen Rauschen» aufgrund der großen Leistungsschwankungen bei den einzelnen Testpersonen ausmachen zu können.

Implikationen

Die Hypothese der Formenbildungsursachen hat in allen Wissenschaftszweigen weitreichende Implikationen.

In der Chemie, der Kristallographie und der Molekularbiologie kann man erkennen, dass molekulare und kristalline Formen nicht von ewigen, unveränderlichen Gesetzen bestimmt sind, sondern sich entwickeln und eine Art von Gedächtnis besitzen. Die Erforschung des Gedächtnisses im molekularen und kristallinen Bereich könnte letztlich zu bedeutenden technischen Anwendungen führen, etwa zu neuartigen Computern, die durch morphische Resonanz miteinander vernetzt und mit globalen Kollektivspeichern ausgestattet sind.

In der Biologie kann man erkennen, dass die Entwicklung von Tieren und Pflanzen von unsichtbaren Organisationsfeldern gestaltet wird, den Trägern der Vorfahrengewohnheiten. Zur Entwicklung biologischer Formen gehört nicht nur die Entwicklung von Gen-Pools, sondern auch die Entwicklung der morphischen Felder der Spezies. Durch diese Felder lassen sich, wie schon Charles Darwin angenommen hat, erworbene Anpassungen vererben. Und wenn sich neue Gewohnheiten bilden, kann die Evolution infolge von morphischer Resonanz viel rascher vonstatten gehen und sich ausbreiten, als wenn sie nur von dem Transfer von Mutationsgenen von den Eltern zum Nachwuchs abhängt.

Instinkte beruhen auf den gewohnheitsmäßigen Verhaltensfeldern der Spezies, die die Tätigkeit des Nervensystems prägen - sie werden von Genen beeinflusst und auch durch morphische Resonanz vererbt. Durch morphische Resonanz können sich neu erlernte Verhaltensmuster in einer Spezies verbreiten. Das Erlernen dieser neuen Fertigkeiten kann im Laufe der Zeit - während sie immer gewohnheitsmäßiger werden - zunehmend leichter werden.

In der Psychologie lassen sich die Geistestätigkeiten als Felder interpretieren, die mit den physiko-chemikalischen Aktivitätsmustern im Gehirn interagieren. Aber diese Felder sind nicht auf das Gehirn beschränkt, sondern erstrecken sich über den Körper hinaus in die Umwelt hinein. Diese erweiterten mentalen Felder liegen der Wahrnehmung und dem Verhalten zugrunde. Sie ermöglichen es auch, dass sich «paranormale» Phänomene wie das Gefühl des Angestarrtwerdens so interpretieren lassen, dass sie als normal erscheinen. Das persönliche Gedächtnis kann als Selbstresonanz aus der Vergangenheit eines Menschen verstanden werden - man braucht nicht mehr davon auszugehen, dass alle Erinnerungen als flüchtige materielle «Spuren» im Gehirn gespeichert werden müssen. Eine weniger spezifische Resonanz mit unzähligen anderen Menschen in der Vergangenheit verbindet uns alle mit dem kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft und Kultur und letztlich mit dem kollektiven Gedächtnis der gesamten Menschheit.

Persönliche und kollektive Gewohnheiten unterscheiden sich nicht von ihrer Art, sondern von ihrem Ausmaß her - beide beruhen auf morphischer Resonanz. Dieses neue Verständnis des Gedächtnisses könnte dem Verständnis des Lernens generell neue Impulse vermitteln und durchaus wichtige Anwendungsmöglichkeiten in Erziehung und Bildung zur Folge haben. Unterrichtsmethoden, die die morphische Resonanz von jenen Menschen maximieren, die in der Vergangenheit die gleiche Sache gelernt haben, könnten zu einem effizienteren und rascheren Lernen führen.

Die morphischen Felder sozialer Gruppen würden dazu beitragen, viele ansonsten rätselhafte Aspekte der sozialen Organisation zu erklären, wie das Verhalten gesellschaftsbildender Insekten, von Vogelschwärmen und von menschlichen Gesellschaften. Die Sozialwissenschaften könnten eine neue theoretische Grundlage erhalten, und neue Wege der Forschung würden sich auftun. Das Verständnis kultureller Formen als morphischer Felder würde ebenso unser Verständnis des kulturellen Erbes wie den Einfluss der Ahnen auf unser Leben revolutionieren. Richard Dawkins hat für die «Einheiten der kulturellen Übertragung» den Begriff «Meme» geprägt, und solche Memes lassen sich als morphische Felder interpretieren. Die morphische Resonanz würde auch ein neues Licht auf viele religiöse Praktiken und Rituale werfen. Selbst wissenschaftliche Paradigmen lassen sich als morphische Felder verstehen, die durch morphische Resonanz stabilisiert werden und dazu tendieren, zunehmend gewohnheitsmäßig und unbewusst zu werden, je häufiger sie wiederholt werden.

Der gesamte Kosmos erscheint mittlerweile als evolutionär. Die Felder von Atomen, Molekülen, Kristallen, Planeten, Sternen und Galaxien entwickeln sich, und wie die morphischen Felder biologischer Organismen ist auch ihre Evolution der natürlichen Auslese unterworfen. Die Hypothese der Formenbildungsursachen stellt somit eine Möglichkeit dar, den Entwicklungsprozess in der ganzen Natur und nicht bloß im Reich der Biologie zu erforschen.

Aber so allgemein die Implikationen dieser Hypothese auch sein mögen, gibt es dafür doch eine entscheidende innere Grenze. Sie mag zwar als Erklärung dafür dienen, wie Organisationsmuster wiederholt werden - aber sie erklärt nicht, wie sie überhaupt entstehen. Sie läßt die Frage der evolutionären Kreativität offen. Die Idee von den Formenbildungsursachen ist mit einer Reihe verschiedener Theorien von Kreativität vereinbar, die von der Vorstellung, alles Neue sei letztlich eine Frage des Zufalls, bis hin zur Idee der göttlichen Kreativität reichen.

Quelle: New York Times January 4, 2003

Meiner Ansicht nach würde die Wissenschaft viel populärer werden, wenn man ein Prozent der Gelder, die man derzeit für wissenschaftliche Forschung ausgibt, in Forschungsgebiete leitete, die für den Steuerzahler von wirklichem Interesse sind.

Für welche Forschung Geld ausgegeben wird, wird vom wissenschaftlichen Establishment, den großen Firmen und der staatlichen Bürokratie bestimmt. Die Verwaltung der Wissenschaft ist weder rechenschaftspflichtig gegenüber den Wählern, noch wird sie in demokratischem Geist ausgeübt.

Ich schlage vor, dass man 99 Prozent der Forschungsgelder auf die gewohnte Weise verteilt. Doch ein Prozent sollte man für Dinge reservieren, die der Neugier des wissenschaftlichen Laien entgegenkommen. Schließlich finanziert er mit seinen Steuergeldern sämtliche öffentlich geförderte Forschung. Dazu müßte man ein gesondertes Gremium schaffen, das zum Beispiel "Bundesentdeckungszentrum" oder ähnlich heißen könnte.

Dieses Zentrum würde von einem Gremium geleitet werden, in dem vielfältige Interessen vertreten sind, unter anderem durch Nichtregierungsorganisationen, Schulen und verschiedenste Vereinigungen. Einzelpersonen könnten Vorschläge per Internet einreichen. Regionale und überregionale Organisationen könnten für Projekte werben. Mögliche Forschungsthemen könnten in den Medien diskutiert werden.

Diese neue Einrichtung würde die Wissenschaft für junge Leute attraktiver machen, sie würde allgemein das Interesse an wissenschaftlichem Denken und dem Erkunden neuer Hypothesen anregen und insgesamt die beklagenswerten Barrieren gegenüber der Wissenschaft abbauen helfen, die in den Köpfen vieler Menschen heute leider vorhanden sind.

Rupert Shelrake, Biologe und Autor

Deutsch von Helmut Lasarcyk

An excerpt from the New York Times special feature Today's Visions of the Science of Tomorrow.

Richard Dawkins, kämpferischer Atheist und Autor des Buches "Der Gotteswahn", ist Professor für das öffentliche Verständnis von Wissenschaft an der Universität von Oxford. Er ist aktiv in der Vereinigung CSI (früher CSICOP), einer international tätigen Skeptiker-Organisation, und unterstützt tatkräftig James Randi, eines ihrer prominentesten Mitglieder. Zuvor verfasste er Bücher zur Evolutionsbiologie, darunter am bekanntesten "Das egoistische Gen". Im Jahr 2007 besuchte er Rupert Sheldrake, um ihn für seine Fernsehserie "Enemies of Reason" (Feinde der Vernunft) zu interviewen. Richard Dawkins ist ein Mann mit Überzeugungen. Er sieht seine Aufgabe darin, Religion und Aberglaube auszurotten und sie vollständig durch Wissenschaft und Vernunft zu ersetzen. Der britische Fernsehsender Channel 4 bot ihm dazu häufig eine Plattform. In einer zweiteiligen polemischen Sendung im August 2007 unter dem Titel "Feinde der Vernunft" setzte er seine Angriffe gegen die Religion fort, die er im Jahr 2006 unter dem Titel "The Root of All Evil?" (Die Wurzel allen Übels?) veröffentlichte.

Kurz bevor die Sendung "Feinde der Vernunft" gefilmt wurde, teilte mir die Produktionsfirma (IWC Media) mit, dass Dawkins mich besuchen wolle, um mit mir über meine Forschungen zu bislang nicht erklärten Fähigkeiten von Mensch und Tier zu sprechen. Ich zögerte, daran teilzunehmen, doch die Vertreterin der Firma versicherte mir, "dieser Dokumentarfilm wird auf Wunsch von Channel 4 ausdrücklich entschieden ausgewogener sein, als "The Root of All Evil" es war". Sie fügte noch hinzu: "Wir sind sehr daran interessiert, dass dies ein Gespräch zwischen zwei Wissenschaftlern wird, in der es es um die Wege der wissenschaftlichen Forschung geht." Schließlich willigte ich ein und wir machten einen Termin aus. Ich war mir immer noch nicht sicher, was das wohl geben könnte. Würde Richard Dawkins dogmatisch auftreten und alle Fakten abwehren, die seinen Ansichten widersprechen? Oder würde er offen für Neues sein, so dass wir ein angenehmes Gespräch führen könnten?

Der Regisseur bat uns, einander gegenüber zu stehen. Man filmte mit einer tragbaren Kamera. Dawkins fing an und sagte, wir seien uns wahrscheinlich in vielen Dingen einig, und fuhr fort: "Doch was mir bei Ihnen Sorgen macht, ist, dass Sie bereit sind, fast alles zu glauben. Wissenschaft sollte möglichst wenig auf Glauben beruhen."

Ich stimmte zu, dass wir viel gemeinsam haben, und sagte: "Aber was mir bei Ihnen Sorgen macht, ist, dass Sie den Anschein erwecken, ein Dogmatiker zu sein, so dass den Leuten ein schlechter Eindruck von Wissenschaft vermittelt wird."

Er fuhr fort, wenn er in verliebter Stimmung sei, möchte er auch gern an Telepathie glauben, aber dafür gebe es einfach keine Beweise. Alle Forschung auf diesem Gebiet wies er rundweg ab. Dass Wissenschaftler wie er Telepathie ablehnten, verglich er mit der Entdeckung des Ortungssystems der Fledermäuse mittels Ultraschall, das man in den 1940-er Jahren entdeckte und dann auch sehr schnell in der Wissenschaft anerkannte. Wie ich später herausfand, hatte Lazzaro Spallanzani schon 1793 gezeigt, dass Fledermäuse sich zur Orientierung auf ihr Gehör stützen, doch skeptische Gegner wiesen seine Experimente als fehlerhaft zurück, was die Forschung weit über ein Jahrhundert zurückwarf. Doch Dawkins erkannte, dass Telepathie von größerer Brisanz sei als Echoortung. Er sagte: "Wenn es das wirklich gibt, dann stellt es die physikalischen Gesetze völlig auf den Kopf." Und er fügte hinzu: "Außerordentliche Behauptungen erfordern außerordentliche Beweise."

Ich erwiderte: "Das kommt darauf an, was man als außergewöhnlich ansieht. Die meisten Menschen sagen, sie haben Telepathie schon erlebt, besonders beim Telefonieren. Insofern ist das etwas ganz Gängiges. Außerordentlich ist die Behauptung, dass die meisten Menschen sich in Bezug auf ihre Erfahrung täuschen. Wo sind die außergewöhnlichen Beweise dafür?"

Er trug keinerlei Beweise vor, sondern sprach nur ganz allgemein über die Fehlbarkeit menschlicher Urteile. Seiner Meinung nach wollen die Leute einfach gern an "paranormale Erscheinungen" glauben.

Wir einigten uns, dass man kontrollierte Experimente braucht. Ich sagte, dass ich aus diesem Grund genau solche Experimente durchgeführt hätte, unter anderem um herauszufinden, ob Leute wirklich sagen können, wer anruft, wenn man die anrufende Person per Zufallsgenerator auswählt. Die Ergebnisse lagen weit über dem zu erwartenden statistischen Durchschnittswert.

In der Woche vorher hatte ich Dawkins Kopien von einigen meiner Aufsätze zugesandt, die in wissenschaftlich akzeptierten Zeitschriften erschienen waren, damit er sich mit den Fakten vertraut machen konnte.

Dawkins erschien unsicher und sagte: "Ich will hier nicht über Beweise diskutieren." "Warum nicht?" fragte ich. "Dafür haben wir keine Zeit. Das ist zu kompliziert. Und darum geht es in dieser Sendung gar nicht." Dann hielt die Kamera an.

Auch der Regisseur, Russell Barnes, bestätigte, er sei nicht an Beweisen interessiert. In seinem Film solle es einfach um eine Fortsetzung der Polemik Dawkins' gehen.

Ich sagte zu Barnes: "Wenn Sie Telepathie als irrational ansehen, dann ist doch jeder Beweis dafür oder dagegen von entscheidender Bedeutung. Wenn Telepathie wirklich vorkommt, ist es gerade nicht irrational, daran zu glauben. Ich dachte, genau das wollten Sie hier herausfinden. Ich habe von Anfang an klar gemacht, das ich kein Interesse daran habe, an einer miesen Verunglimpfungsshow mitzumachen."

Darauf Dawkins: "Das ist keine miese Verunglimpfungsshow, sondern eine seriöse Verunglimpfungsshow."

"Wenn das so ist", erwiderte ich, "dann liegt hier ein schweres Missverständnis vor, denn mir wurde zugesichert, dass das hier eine ernsthafte wissenschaftliche Diskussion über Beweise werden sollte." Russell Barnes wollte die Mails sehen, die ich von seiner Assistentin erhalten hatte. Er las sie mit offensichtlichem Missvergnügen und sagte dann, die Zusicherungen, die man mir gegeben hatte, seien unzutreffend gewesen. So packte das ganze Team ein und ging wieder.

Schon seit langem verkündet Richard Dawkins seine Überzeugung, dass parapsychologische Phänomene ein Humbug seien. Leute, die das vertreten, sind seiner Ansicht nach Betrüger und Scharlatane. Diese Ansicht sollte durch seine Sendung "Feinde der Vernunft" untermauert und weiter bekannt gemacht werden. Fördert er mit solchen Aktionen aber wirklich "das öffentliche Verständnis von Wissenschaft", wie es sein Lehrstuhl in Oxford ausweist? Ist Wissenschaft dazu gedacht, Vorurteile zu verbreiten, eine Art fundmentalistisches Glaubenssystem? Oder ist sie nicht eine Methode zur Erforschung des Unbekannten?

Rupert Sheldrake (2008)

Deutsch von Helmut Lasarcyk


aus: The Ecologist, March 2005:

Hört auf die Tiere. Weshalb entkamen so viele Tiere der Flutwelle im Dezember?

Viele Tiere retteten sich vor der großen Flutwelle in Asien am 26. Dezember 2004. In Sri Lanka und auf Sumatra wanderten Elephanten in höher gelegene Gelände, bevor die Riesenwelle zuschlug. Dasselbe geschah in Thailand, wo sie zuvor noch lautstark trompeteten. Ein Dorfbewohner in Bang Koey (Thailand) berichtete, eine Büffelherde sei auf einer Weide nahe am Strand gewesen und habe "plötzlich die Köpfe gehoben und zum Meer hinausgeguckt, mit steil aufgerichteten Ohren". Sie hätten sich umgedreht und seien im Galopp den Berg hinauf gestürmt, gefolgt von den verwunderten Dorfbewohnern, die dadurch ihr Leben retteten. Am Strand von Ao Sane nahe Phuket rannten Hunde die Berge hinauf, und bei Galle auf Sri Lanka wunderten sich die Hundebsitzer, dass ihre Tiere den üblichen morgendlichen Spaziergang am Strand verweigerten. Im Bezirk Cuddalore in Südindien flohen Büffel, Ziegen und Hunde, ebenso wie brütende Flamingos, um sich auf höheres Gelände zurückzuziehen. Auf den Andamanen-Inseln verließen "Steinzeit"-Stämme die Strandregion, da sie durch das Verhalten der Tiere gewarnt waren.

Woher wussten sie das? Die übliche Annahme lautet, dass die Tiere das Erzittern des Bodens durch das Unterewasser-Erdbeben spürten, doch diese Erklärung überzeugt mich nicht. Das Zittern der Erde hätte man überall in Südostasien gespürt, nicht nur in den betroffenen Küstenregionen. Und wenn die Tiere Erdbebenkatastrophen an Hand des leichten Zitterns der Erde vorhersagen können, warum können das dann nicht die Seismologen?

Tieren wissen anscheinend auch im voraus Bescheid, wenn es sich um andere Arten von Katastrophen handelt. In meinem neuesten Buch Der siebte Sinn des Menschen findet sich eine Zusammenfassung von ungewöhnlichem Tierverhalten vor Erdbeben in jüngster Vergangenheit, darunter beim Erdbeben in Kalifornien, dem in Kobe 1995 und dem in Assisi im Jahr 1997. In allen Fällen gab es zahlreiche Berichte über wilde Tiere und Haustiere, die mehrere Stunden oder sogar Tage vor dem eigentlichen Beben ein ängstliches oder sonst ungewöhnliches Verhalten zeigten. Dasselbe geschah bei dem Erdbeben in der Türkei im Jahr 1999, dessen Epizentrum in der Nähe von Izmir lag. Stunden vor dem Beben jaulten die Hunde, und auch viele Katzen und Vögel verhielten sich auffällig.

Am 28. Februar 2001 ereignete sich im Raum Seattle ein Beben der Stäke 6,8, und auch hier verhielten sich vorher Tiere auffällig. Von einzelnen Katzen wurde berichtet, sie hätten sich anscheinend ohne Grund bis zu 12 Stunden vor dem Erdbeben versteckt. Andere Tiere verhielten ein bis zwei Stunden vorher ängstlich inne oder "spielten verrückt". Hunde bellten unaufhörlich, Ziegen und andere Tierarten verhielten sich auffällig.

Niemand weiß, wie es kommt, dass Tiere ein herannahendes Erdbeben spüren. Vielleicht sind es kaum wahrnehmbare Schwingungen in der Erde oder sie riechen Gase, die kurz vor dem Erdbeben aus der Tiefe freigesetzt werden. Vielleicht nehmen sie auch Veränderungen im Magnetfeld der Erde wahr oder sie könnten Zukünftiges auf eine Weise spüren, die sich unserem wissenschaftlichen Verständnis bisher entzieht, als eine Art Vorahnung.

Tiere können auch von Menschen herbeigeführte Katastrophen vorher spüren, z. B. Bombenangriffe. In meinem Buch Der siebte Sinn der Tiere berichte ich, wie sich in Deutschland und in Großbritannien viele Familien im Zweiten Weltkrieg auf ihre Haustiere verließen, um sich auf nahende Luftangriffe einzustellen, lange bevor der offizielle Fliegeralarm ertönte. Dies ließ sich bereits beobachten, wenn die Flugzeuge noch Hunderte von Kilometern entfernt waren und lange bevor die Tiere etwas hören konnten. In London spürten sogar einige Hunde die V-2-Angriffe, bei denen es sich um Überschallgeschosse handelte, die man vorher gar nicht hören konnte.

Ungewöhnliches Verhalten bei Tieren beobachtet man auch vor Lawinen. Am 23. Februar 1999 zerstörte eine Lawine den österreichischen Ort Galtur in Tirol, wobei mehrere Dutzend Menschen umkamen. Am Tag zuvor waren die Gämsen aus den Bergen herabgekommen, was sie sonst nie tun. Durch Umfragen in Alpendörfern in Österreich und der Schweiz fand ich heraus, dass Gämsen, Steinböcke und Hunde zu den Tieren gehörten, die Lawinen am leichtesten vorher spürten. Diese Fähigkeit könnte, auch wenn man die Ursache noch nicht kennt, für die Tiere in den Bergen einen Überlebenswert haben, so dass hier die natürliche Selektion greifen würde.

Abgesehen von wenigen Ausnahmen, ist die Fähigkeiten von Tieren, Katastrophen vorher zu spüren, von westlichen Wissenschaftlern ignoriert worden. Sie verwerfen solche Geschichten als Einbildung oder Aberglauben. In China dagegen rufen die Behörden die Bevölkerung seit den 1970-er Jahren in erdbebengefährdeten Gebieten auf, ungewöhnliches Tierverhalten zu melden. Auf diese Weise haben die chinesischen Wissenschaftler eine beeindruckende Datensammlung angelegt, mit deren Hilfe sie Erdbeben vorhersagen konnten. In einigen Fällen wurden Warnungen herausgeben, die es ermöglichten, dass Städte schon Stunden vorher evakuiert werden und Zehntausende Menschenleben gerettet werden konnten.

Wenn man wie die Chinesen auf ungewöhnliches Tierverhalten achtet, könnte man nicht nur in China, sondern auch in Kalifornien, Griechenland, der Türkei, Japan und anderswo Warndienste einrichten. Über die Medien könnte man Millionen von Tierhaltern und Landwirten in erdbebengefährdeten Gebieten aufrufen, bei diesem Projekt mitzumachen. Man könnte ihnen sagen, welche Art Verhalten die Tiere kurz vor einem Erdbeben häufig zeigen, als Zeichen der Besorgnis oder Angst. Sobald die Menschen das bei ihren Tieren beobachten, können sie eine Telefon-Hotline mit einer leicht zu merkenden 0800-Nummer anrufen oder eine E-Mail schicken.

Per Computer könnten die Meldungen nach ihren Ursprungsorten analysiert werden. Wenn es auffällige Häufungen gibt, könnte ein Alarm gegeben werden, bei dem die Orte auf der Landkarte hervorgehoben werden. Es wird immer einige Fehlalarme von Leuten geben, deren Tiere vielleicht krank sind, oder auch einfach schlechte Scherze. Doch wenn es plötzlich Meldungen in großer Zahl aus einem bestimmten Gebiet gibt, könnte es bedeuten, dass ein Erdbeben bevorsteht. Das gleiche Verfahren wäre bei Tsunamis denkbar.

Um die Möglichkeiten eines Tierwarnsystems zu erforschen, braucht man nur einen Bruchteil der Kosten, die die gegenwärtige Erdebeben- und Tsunamiforschung verschlingt. Sie würde ganz sicher zu Ergebnissen führen und wahrscheinlich viele Leben retten.

Derzeit werden Millionen in Tsunamiwarnsysteme gesteckt. Meine Hoffnung ist es, dass die dafür Verantwortlichen nicht gering achten, was uns die Tiere sagen können.

Rupert Sheldrake, Biologe und Buchautor.

Deutsch von Helmut Lasarcyk

aus: New Scientist, 19. Juli 2001 - Rubrik „Personally speaking"

Warum läßt man Schulkinder ihre Versuchsbeschreibungen immer noch unpersönlich im Passiv verfassen, so als ob die Versuche sich von allein ereigneten?, fragt Rupert Sheldrake

„Das Reagenzglas wurde sorgfältig zugeschmolzen." Als ich diesen Satz im Versuchsheft meines 11-jährigen Sohnes las, das dieser für den Naturwissenschaftsunterricht führte, war ich verwundert. In der Grundschule waren seine Versuchsbeschreibungen lebendig und anschaulich gewesen, doch nachdem er auf die weiterführende Schule gewechselt war, wurden sie hölzern und voller Passivkonstruktionen. Das war kein Zufall. Seine Lehrer verlangten von ihm, so zu schreiben.

Als ich zur Schule ging, zwangen mich die Lehrer, im Passiv zu schreiben, doch ich hatte keine Ahnung, dass das heute immer noch so ist. Seit meinem Abschluss an der Universität Cambridge erschien mir die aktivische Ausdrucksweise („Ich habe getan") viel angemessener für wissenschaftliche Texte als die passivische („Es wurde getan"). Experimente laufen nicht auf geheimnisvolle Weise vor den Augen unpersönlicher Beobachter ab. Wissenschaft wird von Menschen gemacht, und wenn man sie als menschliche Tätigkeit darstellt, verliert sie dadurch nicht, sondern sie wird dargestellt als das, was sie ist.

Der Passivstil ist nicht nur irreführend, sondern auch entfremdend. Eine junge Medizinstudentin erzählte mir, es habe sich „zuerst so fremdartig angefühlt", als ein Dozent sie bat, ihre Berichte im persönlichen Aktiv-Stil zu verfassen. „Aber dann war es befreiend", sagte sie. „Plötzlich durfte ich wieder ich selber sein, nachdem ich über Jahre hinweg so getan hatte, als sei ich gar nicht da."

Vor kurzem bat ich den Koordinator des Norfolk Teacher-Scientist Network, Frank Chennell, herauszufinden wie Schülerinnen und Schüler nach Ansicht der Lehrer und Wissenschaftler seines Arbeitskreises ihre Berichte abfassen sollten. Von den Lehrern meinten die meisten, die Schüler sollten sich gemäß dem landesweiten Lehrplan die direkte, persönliche Ausdrucksweise aneignen, doch manche waren der Ansicht, ältere Schüler sollten das Passiv verwenden. Unter den Wissenschaftlern dieses Arbeitskreises sprach sich die Mehrzahl für die Verwendung des Passivs in wissenschaftlichen Aufsätzen aus.

Als der Präsident der Royal Society, Lord May, von diesen Umfrageergebnissen im Rundbrief des Arbeitskreises las, war er, wie er es selbst ausdrückte, „entsetzt" darüber, dass die Wissenschaftler in Norfolk sich für das Passiv aussprachen. Er sagte: „Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die Verwendung des Passivs in einem wissenschaftlichen Forschungsaufsatz heutzutage ein Kennzeichen zweitklassiger Arbeit ist. Auf Dauer gesehen vermittelt der Gebrauch der aktivischen Ausdrucksweise mehr Autorität, als wenn man pedantisch den Anschein erweckt, eine unpersönliche Kraft führe die Forschung durch."

Diese klare Überzeugung wird auch von anderen herausragenden Forschern geteilt, wie ich schnell herausfand, darunter dem königlichen Hofastronomen, Sir Martin Rees. Der Präsident der US National Academy of Sciences, Bruce Alberts, sagte, er befürworte eindeutig die Aktiv-Formen.

Die meisten wissenschaftlichen Fachzeitschriften nehmen Aufsätze, die im Aktiv-Stil verfasst wurden, zur Veröffentlichung an; manche fordern die Schreiber sogar ausdrücklich dazu auf, so zu schreiben, zum Beispiel Nature. Als ich die aktuellen Hefte von 55 physikalischen und biologischen Fachzeitschriften durchging, stellte ich fest, dass nur noch zwei von ihren Verfassern die Verwendung des Passivs forderten.

Soweit ich feststellen kann, kam der Passivstil in der Wissenschaft erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Mode. Er sollte die Wissenschaft objektiver, unpersönlicher und professioneller erscheinen lassen. Vor dieser Zeit benutzten die Wissenschaftler allgemein die aktivische Ausdrucksweise und die Ich-Form. Auf jeden Fall ist dies bei Isaac Newton und Charles Darwin ganz eindeutig der Fall gewesen. Seine große Zeit erlebte der Passivstil in der wissenschaftlichen Literatur in dem halben Jahrhundert von 1920 bis 1970. Doch obwohl die meisten Wissenschaftler sich von dieser Gepflogenheit schon verabschiedet haben, bestehen viele Lehrer der naturwissenschaftlichen Fächer immer noch darauf.

Um einen besseren Überblick zu erhalten, wandte ich mich an die Leiter der naturwissenschaftlichen Abteilungen von 262 weiterführenden Schulen in Großbritannien: 212 staatliche Schulen in Devon, im Großraum London (Camden, Ealing und Nachbarbezirke), im Großraum Manchester (Rochdale und Bury) und in Nottinghamshire, dazu 50 zufällig ausgewählte unabhängige Schulen. Von 172 Schulen erhielt ich Antworten.

Insgesamt 45 Prozent der Schulen sagten, sie forderten die Schüler auf, das Aktiv zu benutzen, während 42 Prozent das Passiv befürworteten. Den restlichen 13 Prozent war es egal, was die Schüler benutzten. Es gab einen signifikanten Unterschied zwischen staatlichen und unabhängigen Schulen: 58 Prozent der unabhängigen Schulen forderten den Gebrauch des Passiv, während es bei den staatlichen Schulen nur 37 Prozent waren. Bei der geografischen Verteilung ergab sich, dass in Devon (südlich London) der Anteil der Passiv-orientierten Schulen mit 30 Prozent am niedrigsten lag, während es in London und im Großraum Manchester 41 Prozent waren.

Einige der Lehrer, die den Gebrauch des Aktivs lehrten, waren begeisterte Befürworter. Andere sagten, sie setzten es aus reiner Notwendigkeit ein, und ein Fachleiter für Naturwissenschaften einer Gesamtschule in einem Ballungsraum meinte: „Wir sind froh, wenn wir sie dazu bringen, überhaupt etwas zu schreiben. Es wäre sehr schwer, ihnen einen Schreibstil abzufordern, der sich derart von der normalen Sprache unterscheidet." Er deutete an, dass mehr staatliche Schulen das Passiv einsetzen würden, wenn sie es nur könnten.

Andere Lehrer treten für das Passiv ein, weil sie meinen, dass die Prüfungsgremien dies so verlangen. Hieran ist etwas Wahres. Zwei der drei amtlichen Prüfungsausschüsse in England regen den Gebrauch des Passivs bei Abschlussprüfungen der Oberstufe an. Die Regierungs-Aufsichtsbehörde für die Qualität der schulischen Bildung in England (Qualifications and Curriculum Authority) vertritt in dieser Frage keinen offiziellen Standpunkt.

Die meisten der Lehrer, die sich für das Passiv stark machen, tun dies nach eigenem Bekunden einfach weil es so üblich sei. Ihrer Meinung nach bevorzugen führende Wissenschaftler und Fachpublikationen diesen Schreibstil immer noch gegenüber dem Aktiv. Diese Ansicht ist veraltet. Lord May sagt: „Lehrer an Grundschulen und weiterführenden Schulen sollten alle ihre Schüler ohne Einschränkungen dazu anregen, den aktivischen Schreibstil zu verwenden."

Was würde geschehen, wenn sich die Royal Society offiziell für die Verwendung des Aktiv-Stils einsetzte? Möglicherweise würden sich die Aufsichtsbehörde und die Prüfungsgremien dem anschließen. Dann brauchten Hunderttausende von Schülerinnen und Schülern der naturwissenschaftlichen Fächer nicht mehr so zu tun, als ob sie bei ihren eigenen Experimente nicht selbst dabei wären.

Die Fachlehrer für Biologie, Chemie und Physik aus meiner Umfrage, die sich für das Aktiv aussprachen, sagten, es sei „natürlicher", gebe „den Schülern wieder das Gefühl, dass dies ihre eigene Arbeit ist" und mache „die Wissenschaft persönlicher, so dass die Schüler innerlich stärker beteiligt" seien. Dem stimme ich zu. Meiner Ansicht nach wirken Passivkonstruktionen entfremdend. Sie sind hässlich und schwerfällig und mystifizieren die wissenschaftliche Arbeit.

Das Aktiv eignet sich besser, wenn es darum geht zu sagen, was Wissenschaftler tatsächlich tun. Vor allem ist es wahrheitsgemäßer.

Rupert Sheldrake

Deutsch von Helmut Lasarcyk

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