|
Ausführliche Einführung zu Rupert Sheldrake
Ich bin in Newark-on-Trent in Nottinghamshire, in
Mittelengland, geboren und aufgewachsen. Meine Eltern waren fromme
Methodisten. Ich ging auf ein anglikanisches Internat. Eine Zeitlang war ich
zwischen diesen beiden ganz verschiedenen Traditionen hin- und hergerissen -
dem Protestantismus und dem Anglokatholizismus mit Weihrauch und allem Drum
und Dran.
Aber in erster Linie beschäftigte mich alles Lebendige. Von
klein auf interessierte ich mich für Pflanzen und Tiere. Mein Vater war
Hobby-Naturforscher und Mikroskopierer, und er hat dieses Interesse gefördert.
Meine Mutter hat sich damit abgefunden. Ich hielt zu Hause jede Menge Tiere,
und sie sagte, wie Mütter eben zu sagen pflegen: «Alles schön und gut - aber
wer füttert sie?» Und natürlich hat letztlich immer sie es getan.
Ich habe schon ziemlich früh gewusst, dass ich Biologe werden
wollte, und mich in der Schule auf Naturwissenschaften spezialisiert. Dann
ging ich nach Cambridge und studierte Biologie und Biochemie. Doch im Laufe
meines Studiums tat sich eine große Kluft auf zwischen dem, was mich
ursprünglich dazu inspiriert hatte - nämlich ein Interesse am Leben, an
lebendigen Organismen -, und der Art von Biologie, die man mich lehrte: der
orthodoxen, mechanistischen Biologie, die im Grunde das Leben von Organismen
leugnet und sie wie Maschinen behandelt. Ich musste lernen, dass man nicht
emotional auf Tiere und Pflanzen reagieren darf. Man darf sich auf sie nur mit
dem distanzierten, objektiven Verstand einlassen, indem man sie seziert oder
manipuliert. Es gab anscheinend kaum einen Zusammenhang zwischen dem direkten
Erleben von Tieren und Pflanzen und dem, was ich über sie erfuhr. Ich zerlegte
sie in immer kleinere Teile, bis hinunter zur molekularen Ebene, und sah, wie
sie sich durch blinden Zufall und blinde Kräfte der natürlichen Auslese
entwickelten.
Nun, dieses Zeug konnte ich natürlich lernen - darin war ich
ziemlich gut. Aber der Widerspruch wurde immer größer. Im Fachbereich
Biochemie in Cambridge gab es eine Stoffwechselkarte, die die verschiedenen
chemischen Reaktionen im Körper zeigte. Und jemand hatte ganz oben in
Großbuchstaben hinge schrieben: "ERKENNE DICH SELBST". Dadurch wurde mir klar,
welch riesige Kluft zwischen diesen enzymatischen Reaktionen und meinem
eigenen Erleben bestand. In der Biochemie brachten wir zuerst die Organismen,
die wir studierten, um und zermahlten sie dann, um die DNS, die Enzyme und so
weiter herauszuholen. Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass da irgend etwas
nicht stimmte, aber ich konnte nicht genau sagen, was. Niemand sonst schien
Probleme dieser Art zu haben. Dann lieh mir ein Freund, der
Literaturwissenschaft studierte, ein Buch über deutsche Philosophie, das einen
Aufsatz über die dichterischen und botanischen Werke von Goethe enthielt. Ich
erfuhr, daß Goethe am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine
ganz andere Art von Wissenschaft vorschwebte, eine ganzheitliche Wissenschaft,
die das unmittelbare Erleben und Verstehen in sich vereinte. Sie verlangte
nicht, daß man alles in seine Teile zerlegte und die Beweiskraft der eigenen
Sinne leugnete.
Das versetzte mich in große Erregung - sich vorzustellen,
es könnte eine andere Art von Naturwissenschaft geben! Bei dieser Aussicht war
ich so Feuer und Flamme, dass ich beschloss, die Geschichte der Wissenschaft und
der Philosophie zu studieren, um zu erfahren, warum die Wissenschaft das
geworden war, was sie nun war. Ich hatte das Glück, ein Forschungsstipendium
in Harvard zu bekommen, wo ich ein Jahr lang Philosophie und Geschichte
studierte. Gerade war Thomas S. Kuhns Buch Die Struktur wissenschaftlicher
Revolutionen erschienen, und dieses Werk hatte großen Einfluss auf mich. Es
machte mir klar, dass die mechanistische Theorie des Lebens das war, was Kuhn
ein Paradigma nennt, ein kollektives Wirklichkeitsmodell, ein Glaubenssystem.
Kuhn zeigt, dass in Zeiten revolutionärer Veränderungen alte wissenschaftliche
Paradigmen stets durch neue ersetzt wurden. Und wenn sich die Wissenschaft in
der Vergangenheit radikal gewandelt hatte, dann konnte sie das in der Zukunft
ja auch wieder tun. Das fand ich sehr aufregend.
In Harvard fühlte ich mich sehr wohl. Schon bald hatte ich
gemerkt, dass man Studenten in den USA wie Kinder behandelte, ihnen genau
sagte, was sie lesen sollten, und sie dann prüfte, um sicherzugehen, dass sie
dies auch getan hatten. In England war mir das nicht mehr passiert, seit ich
fünfzehn war. Mir gefiel dieses System überhaupt nicht. Daher kam ich zu dem
Schluss, daß ich den Master-Titel, den ich hier erwerben sollte, gar nicht
brauchte. (Ich konnte mir sowieso einen von der Universität Cambridge kaufen.
Wenn man einen BA von Cambridge hat, muss man nur zwei Dinge tun, um einen MA
zu bekommen: drei ein Drittel Jahre am Leben bleiben und fünf Pfund sparen -
denn soviel kostet der Titel.) Infolgedessen verbrachte ich ein wunderbares
Jahr in Harvard, frei von der Tyrannei der Examen, Tests und so weiter. Ich
konnte genau das tun, was mir gefiel, mir alle Vorlesungen über sämtliche
Themen anhören, alles lesen. Es war großartig. Leider machen nur ganz wenige
Menschen diese Erfahrung an Universitäten, weil sie sich fast immer in die
Tretmühle begeben.
Harvard verhalf mir zu einem neuen Blick auf die Dinge. Ich
sah, dass die Wissenschaft historisch bedingt war, dass sie sich in der
Vergangenheit gewandelt hatte und sich wieder wandeln konnte. Dann ging ich
nach Cambridge in England zurück und promovierte über die Entwicklung der
Pflanzen, unter besonderer Berücksichtigung der in ihnen wirksamen Hormone. Um
diese Zeit lernte ich eine Gruppe kennen, die sich Epiphany Philosophers
nannte und mit einem anglikanischen Kloster zusammenhing, das Community of
Epiphany hieß. Diese aus Philosophen, Physikern und Mystikern bestehende
Gruppe erforschte gemeinsam - und sie tut das noch immer - die Gebiete
zwischen mystischer Erfahrung, Philosophie und Naturwissenschaft. Das war
genau das, was mich interessierte, darum fand ich diese Gruppe sehr hilfreich
und anregend.
Allerdings war dies eine überwiegend christliche Gruppe, und
ich war kein Christ. Ich war Atheist. Als ich etwa vierzehn war, hatte mich
mein Biologielehrer davon überzeugt, dass die Religion ein Stück Vergangenheit
war - die Zukunft gehörte der Wissenschaft. Die Religion fesselte den Menschen
an den Aberglauben, an Priester und Dogmen, die Wissenschaft hingegen befreite
ihn und befähigte ihn dazu, in eine neue Ära des Wohlstands und der
Brüderlichkeit voranzuschreiten. Der technische Fortschritt würde diese Art
von Himmel auf Erden herbeiführen, mit Hilfe des menschlichen Verstandes und
nicht durch blinden Glauben und sonstigen Hokuspokus.
Nun, es war eine schöne Vorstellung, dass ich zur Vorhut dieser
heroischen Befreiungsbewegung gehörte. Ich machte mir eine optimistische,
atheistische und humanistische Haltung zu eigen, und zwar für lange Zeit. Es
handelt sich dabei um eine sehr fest verankerte Geisteshaltung, wenn man sich
einmal auf sie eingelassen hat. Daher interessierte auch, als ich mich den
Epiphany Philosophers anschloss, der christliche Aspekt nicht besonders, um so
mehr taten dies die neuen Ideen in der Quantentheorie, der
Wissenschaftsphilosophie, der Parapsychologie, der alternativen Medizin und
der holistischen Naturphilosophie. Dies waren einige der Themen, über die wir
in den sechziger Jahren diskutierten. Wir lebten eine Woche lang wie eine Art
Kommune in einer alten Windmühle an der Küste von Norfolk, und dies viermal im
Jahr. Wir bildeten eine interessante Mischung aus Studenten, Hippies und
Heilern, exzentrischen Professoren, Physikern und Mönchen, die alle in der
Lage waren, miteinander zu reden und diese gemeinsamen Erkundungen
vorzunehmen.
Ich fuhr mit meinen Studien zur Entwicklung der Pflanzen fort
und wurde Forschungsstipendiat am Clare College in Cambridge sowie bei der
Royal Society. Ich bin sehr dankbar für die ungeheure Freiheit, die mir das
verschaffte. Sieben Jahre lang lebte ich in Räumen aus dem 17. Jahrhundert,
die sich um einen wunderschönen Innenhof gruppierten. Alle Mahlzeiten wurden
für mich zubereitet. Ich musste nur warten, bis eine Glocke läutete, dann ging
ich einfach über den Hof, legte meinen akademischen Talar an und bekam an
einer langen Tafel köstliches Essen serviert, mit hervorragendem Wein aus den
gut bestückten Collegekellern. Nach dem Essen tranken wir Portwein in einem
holzgetäfelten Raum, dem so genannten Combination Room, und unterhielten uns
stundenlang. Da die Stipendiaten allen möglichen Fachrichtungen angehörten,
gab es viele Gelegenheiten zu interdisziplinären Diskussionen.
Es war völlig mir überlassen, welchen Forschungen ich mich
widmete. Im ersten Jahr ging ich nach Malaysia, weil ich Pflanzen in
Regenwäldern studieren wollte. Auf dem Weg dorthin machte ich in Indien und
Sri Lanka Station, und das hat mir eigentlich die Augen geöffnet. Das Leben in
Asien erschloss mir völlig neue Möglichkeiten, die Welt zu betrachten. Als ich
wieder in Cambridge war, fuhr ich mit meiner Arbeit über die Entwicklung der
Pflanzen fort. Dabei war ich immer mehr davon überzeugt, dass die
mechanistische Methode im Hinblick auf das Verstehen der Entwicklung
lebendiger Organismen einfach nicht funktionieren kann.
Ich begann, mich mit der holistischen Tradition in der
Biologie zu befassen, einer Minderheitsposition, die es aber immer gegeben
hat. Dann fing ich an, die Theorie der morphischen Resonanz zu formulieren,
der Grundlage des Gedächtnisses in der Natur, an der ich seither hauptsächlich
arbeite. Die Idee dazu kam mir blitzartig, und das Ganze war äußerst
aufregend. Einige meiner Kollegen am Clare College interessierten sich dafür -
die Philosophen, Linguisten und Altphilologen waren da ziemlich
aufgeschlossen. Aber bei meinen Kollegen in den naturwissenschaftlichen
Laboratorien dagegen kam die Idee von geheimnisvollen, telepathieartigen
Verbindungen zwischen Organismen und von einem kollektiven Gedächtnis
innerhalb einer Spezies nicht sehr gut an. Sie verhielten sich keineswegs
feindselig - sie machten sich einfach darüber lustig. Immer, wenn ich zum
Beispiel sagte: "Ich muss rasch mal telefonieren gehen", meinten sie: "Ha, ha,
warum dieser Aufwand? Mach's doch mit morphischer Resonanz!"
Ich erkannte, dass eine neue Art von Wissenschaft vonnöten war,
und es ermutigte mich, als ich zu entdecken begann, wie sie aussehen könnte.
Mir wurde klar, dass mein künftiges Interesse nicht der Biochemie gelten würde.
Ich wollte etwas ganz anderes machen, mit vollständigen Organismen arbeiten
und vor allem etwas tun, was auch nützlich war. Ich gab mein Stipendium in
Cambridge auf und nahm einen Job in einem internationalen
Landwirtschaftsinstitut in Hyderabad in Südindien an, wo ich mich rund sechs
Jahre lang mit der Physiologie tropischer Gemüsepflanzen befasste und dabei
letztlich die Erträge für die Bauern in Indien verbesserte. Dies war eine
großartige Gelegenheit, auf den Feldern zu arbeiten, Pflanzen kennen zu lernen,
die draußen das ganze Jahr über wuchsen. Es war eine Erfahrung, die sich
völlig von der Arbeit mit kleinen Teilchen im Laboratorium unterschied, wo
man sie von all den realen Lebensfaktoren isolieren kann, die in der Welt der
Landwirtschaft nur zu offenkundig sind.
Doch ich nahm den Job in Hyderabad hauptsächlich deshalb an,
weil ich in Indien sein wollte. Ich interessierte mich inzwischen schon für
indische Philosophie und begann, mich mit Transzendentaler Meditation zu
befassen. Ich fühlte mich zu den Hindutraditionen hingezogen. Daher ging ich
nach Indien, lebte dort und arbeitete in der Landwirtschaftsforschung. Und es
gefiel mir.
Dabei dachte ich weiter über meine ketzerischen Ideen im
Hinblick auf die Biologie nach, bis ich meiner Meinung nach soweit war, ein
Buch darüber zu schreiben. Ich wollte Indien zwar nicht verlassen, aber ich
musste meinen Job aufgeben, der mich den ganzen Tag in Beschlag nahm, so dass
ich keine Zeit hatte zu schreiben. In dieser Phase begegnete ich jemandem, der
eine große Rolle in meinem Leben spielen sollte - Pater Bede Griffiths, einen
englischen Benediktinermönch, der in einem kleinen christlichen Aschram tief
im Süden von Indien lebte und die christliche mit der östlichen Tradition
verband.
Während meiner Zeit in Indien hatte ich es mit verschiedenen
Hindu-Gurus und -Aschrams zu tun, ebenso mit Sufis in Hyderabad, das seit
vielen Jahrhunderten eine Hochburg des Sufismus ist. Ein sehr guter Freund von
mir war ein Sufi, ein alter, ganz reizender Mann, der mein Lehrer war Aber
merkwürdigerweise fühlte ich mich trotz allem wieder zur christlichen
Tradition hingezogen. Mir wurde klar, dass ich nie wirklich ein Sufi werden
konnte, weil man ein Moslem werden muß, um ein Sufi zu werden, und diese Rolle
war für mich undenkbar Ich konnte kein Hindu werden, weil ich kein Inder sein
konnte.
Doch gleichzeitig begann ich einen neuen Sinn in der
christlichen Tradition zu entdecken, die ich so lange abgelehnt hatte.
Als ich Pater Bede Griffiths kennen lernte, erleichterte er es
mir sehr, die Brücke zwischen den beiden Traditionen zu überschreiten. Ich
ging in seinen Aschram und lebte dort eineinhalb Jahre lang, dann schrieb ich
mein erstes Buch, Das schöpferische Universum, das ihm, der 1993 in
Indien starb, gewidmet ist.
Anschließend nahm ich eine Teilzeitbeschäftigung in meinem
alten Beruf in Indien an und befaßte mich daneben mit morphischer Resonanz und
ganzheitlichen Ideen in der Biologie. Seither mache ich nichts anderes. Ich
habe meine Frau Jill in Indien kennen gelernt, und wir haben viele gemeinsame
Interessen. Einige Forschungsarbeiten haben wir gemeinsam unternommen. Mit
unseren beiden Söhnen emigrieren wir jedes Jahr nach Nordamerika.
Inzwischen habe ich drei weitere Bücher geschrieben: Das
Gedächtnis der Natur, worin das Konzept des Gedächtnisses auf die Natur
ausgeweitet wird; Die Wiedergeburt der Natur, worin gezeigt wird, wie
wir uns die Natur wieder als lebendig vorsteilen können statt als tot und
mechanisch; und Sieben Experimente, die die Welt verändern könnten. In
diesem letzten Buch konzentriere ich mich auf Gebiete, auf denen einfache,
kostengünstige Forschung Entscheidendes bewirken kann. Ich glaube nämlich,
dass nur durch Unabhängigkeit der wahre Forschergeist wiederzubeleben ist. Die
Naturwissenschaft wurde in der Vergangenheit hauptsächlich von Amateuren
betrieben. Heute ist sie vollkommen professionalisiert, aber das muss nicht so
bleiben.
Eines meiner Hauptinteressen gilt der Öffnung der
Wissenschaft, ein anderes der Erkundung der Zusammenhänge zwischen
Wissenschaft und Spiritualität, und ich bin besonders dankbar für die
Gelegenheit, mich dem zusammen mit Matthew Fox zu widmen.
aus:
Die Seele ist ein Feld
© Rupert Sheldrake. All
Rights Reserved.
|