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Morphische Felder
Aus: Rupert Sheldrake: Der siebte Sinn der Tiere. Scherz Verlag 1999, S. 354-373
In diesem Buch habe ich immer wieder kurz die Hauptmerkmale morphischer Felder
erwähnt. Nun möchte ich diesen Begriff ausführlich erläutern und auf einige der
damit verbundenen Phänomene eingehen.
Mein Interesse an diesen Ideen erwachte während meiner Forschungstätigkeit zur
Evolution von Pflanzen an der Universität Cambridge. Wie entwickeln sich
Pflanzen aus einfachen Embryonen zur charakteristischen Form ihrer Art? Wie
nehmen die Blätter von Weiden, Rosen und Palmen ihre Form an? Wie entwickeln
ihre Blüten sich auf so unterschiedliche Weise? All diese Fragen haben etwas mit
dem zu tun, was die Biologen Morphogenese nennen, die Entstehung von Form
(abgeleitet von den griechischen Wörtern morphé = Form und génesis = Erzeugung,
Entstehen), die eines der großen ungelösten Probleme der Biologie ist.
Wenn man sich naiv mit diesen Problemen befasst, erklärt man schlicht, jede
Morphogenese sei genetisch programmiert. Die einzelnen Arten befolgen einfach
die Anweisungen ihrer Gene. Aber nach kurzem Nachdenken erkennt man, dass diese
Antwort nicht ausreicht. Alle Zellen des Körpers enthalten die gleichen Gene. In
Ihrem Körper zum Beispiel ist das gleiche genetische Programm in Ihren
Augenzellen, in Ihren Leberzellen ebenso wie in den Zellen Ihrer Arme und Beine
vorhanden. Aber wenn sie alle identisch programmiert sind, warum entwickeln sie
sich dann so unterschiedlich?
Manche Gene kodieren die Sequenz der Aminosäuren in Proteinen, andere sind an
der Steuerung der Proteinsynthese beteiligt. Sie ermöglichen es Organismen,
bestimmte Chemikalien zu erzeugen. Aber damit allein läßt sich die Form nicht
erklären. Ihre Arme und Ihre Beine sind in chemischer Hinsicht identisch. Würden
sie zermahlen und biochemisch analysiert, wären sie ununterscheidbar. Aber sie
besitzen unterschiedliche Formen. Ihre Form läßt sich nur mit etwas erklären,
was über die Gene und die von ihnen kodierten Proteine hinausgeht.
Das ist leichter zu verstehen, wenn man es einmal mit der Architektur
vergleicht. In einer Straße in der Stadt stehen unterschiedlich gebaute Häuser,
aber was sie unterscheidet, sind nicht die Baumaterialien. Sie könnten alle aus
chemisch identischen Ziegeln, Betonteilen, Hölzern und so weiter hergestellt
sein. Würde man sie abreißen und chemisch analysieren, wären sie nicht zu
unterscheiden. Was sie unterscheidet, sind die Pläne der Architekten, nach denen
sie erbaut wurden. Diese Pläne tauchen in keiner chemischen Analyse auf.
Die Biologen, die die Formentwicklung bei Pflanzen und Tieren studieren, sind
sich seit langem dieser Probleme bewusst, und seit den zwanziger Jahren
vertreten viele Forscher die Ansicht, dass sich entwickelnde Organismen von
Feldern geformt werden, den so genannten morphogenetischen Feldern. Sie sind so
etwas wie unsichtbare Entwürfe, die der Form des wachsenden Organismus zugrunde
liegen. Aber sie sind natürlich nicht von einem Architekten gezeichnet, genauso
wenig wie man sich vorstellen darf, dass ein «genetisches Programm» von einem
Computerprogrammierer entworfen ist. Es sind Felder: sich selbst organisierende
Einflussgebiete, vergleichbar magnetischen Feldern und anderen bislang
anerkannten Feldern in der Natur.
Der Begriff der morphogenetischen Felder ist zwar in der Biologie weithin
anerkannt, aber niemand weiß, was diese Felder sind oder wie sie funktionieren.
Die meisten Biologen nehmen an, dass sie irgendwann einmal als normale
physikalische und chemische Phänomene erklärt werden können. Aber das ist nichts
weiter als ein Irrglaube. Nachdem ich mich jahrelang mit den Problemen der
Morphogenese herumgeschlagen und über morphogenetische Felder nachgedacht hatte,
war ich zu der Schlussfolgerung gelangt, dass es sich bei diesen Feldern nicht
bloß um irgendwelche mechanistischen Standardprozesse, sondern um etwas wirklich
Neues handelt. Dies war der Ausgangspunkt dafür, dass ich die Idee der
morphogenetischen Felder entwickelte. Zum ersten Mal habe ich sie in meinem Buch
Das schöpferische Universum vorgestellt und dann in meinem Buch Das Gedächtnis
der Natur weiterentwickelt. Dieser Begriff besitzt drei Hauptmerkmale:
Erstens: Morphogenetische Felder sind eine neue Art von Feld, die bislang von
der Physik nicht anerkannt wird.
Zweitens: Sie nehmen Gestalt an, entwickeln sich wie Organismen. Sie haben eine
Geschichte und enthalten ein immanentes Gedächtnis aufgrund des Prozesses, den
ich morphische Resonanz nenne.
Drittens: Sie sind Teil einer größeren Familie von Feldern, den so genannten
morphischen Feldern.
Auf diesen Prinzipien basiert das, was ich die Hypothese der
Formenbildungsursachen nenne.
Die Hypothese der Formenbildungsursachen
In dieser Hypothese behaupte ich, dass es in selbst organisierenden Systemen auf
allen Komplexitätsebenen eine Ganzheit gibt, die auf einem charakteristischen
organisierenden Feld dieses Systems beruht, seinem morphischen Feld. Jedes
selbst organisierende System ist ein Ganzes, das aus Teilen besteht, die
wiederum Ganze auf einer tieferen Ebene sind. Auf jeder Ebene verleiht das
morphische Feld jedem Ganzen seine charakteristischen Eigenschaften und bewirkt,
dass es mehr ist als die Summe seiner Teile.
Bei Pflanzen nennt man die Felder, die für die Entwicklung und Aufrechterhaltung
der Körperform zuständig sind, morphogenetische Felder. Bei der Organisation von
Wahrnehmung, Verhalten und geistiger Tätigkeit nennt man sie Wahrnehmungs-,
Verhaltens- und geistige Felder. Bei Kristallen und Molekülen heißen sie
Kristall- und Molekülfelden Bei der Organisation von Gesellschaften und Kulturen
spricht man von sozialen und kulturellen Feldern. All diese Arten von
organisierenden Feldern sind morphische Felder.
Morphische Felder sind, genauso wie die bereits anerkannten Felder der Physik,
Einflussgebiete in der Raum-Zeit, innerhalb der und um die Systeme herum
angesiedelt, die sie organisieren. Sie wirken probabilistisch. Sie beschränken
den immanenten Indeterminismus der unter ihrem Einfluss befindlichen Systeme
oder zwingen ihm eine Ordnung auf. Sie umfassen und verknüpfen die verschiedenen
Teile des Systems, das sie organisieren. Somit organisiert ein kristallines Feld
die Art und Weise, wie die Moleküle und Atome im Innern des Kristalls angeordnet
sind. Ein Seeigel-Feld formt die Zellen und Gewebe innerhalb des heranwachsenden
Seeigelembryos und führt seine Entwicklung auf die charakteristische
ausgewachsene Form der Spezies hin. Ein soziales Feld organisiert und
koordiniert das Verhalten von Individuen innerhalb einer sozialen Gruppe, zum
Beispiel die Art und Weise, wie einzelne Vögel in einer Schar fliegen.
Morphische Felder führen die von ihnen beeinflussten Systeme zu
charakteristischen Zielen oder Endpunkten hin. Der britische Biologe C. H.
Waddington gab den kanalisierten Pfaden der Veränderung, die von
morphogenetischen Feldern organisiert wird, den Namen Chreode und
veranschaulichte diese Chreoden in Gestalt von Kanälen, durch die eine Kugel zum
Ziel hin rollt. Die Kugel steht für die Entwicklung eines bestimmten Teils des
Embryos zu seiner charakteristischen reifen Form hin, zum Beispiel dem Herzen
oder der Leben Störungen in der normalen Entwicklung können die Kugel vom Boden
des Kanals weg und an der Kanalwand hochdrücken, aber wenn sie nicht über die
Oberkante dieser Wand hinweg in einen anderen Kanal gedrückt wird, kehrt sie
wieder zum Boden des Kanals zurück, allerdings nicht zu dem Punkt, von dem aus
sie gestartet war, sondern an eine spätere Position im kanalisierten Pfad der
Veränderung. Dieser Vorgang steht für die embryonale Regulation, den Prozess,
durch den ein sich entwickelnder Organismus trotz aller Störungen während des
Entwicklungsprozesses eine normale erwachsene Form erreichen kann.
Der Mathematiker René Thom hat mathematische Modelle von morphogenetischen
Feldern entwickelt, in denen die Endpunkte, auf die hin Systeme sich entwickeln,
als Attraktoren definiert werden. In der Dynamik, einem Zweig der Mathematik,
stellen Attraktoren die Grenzen dar, zu denen dynamische Systeme hingezogen
werden. Sie ermöglichen eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Zielen, Zwecken
oder Absichten.
Das umstrittenste Merkmal dieser Hypothese ist die Behauptung, dass morphische
Felder sich entwickeln. Sie sind nicht für alle Zeit durch ewig gültige
mathematische Gleichungen in einer Art transzendentem platonischem Reich oder
durch ein Read-only-Programm in einer kosmischen CD-ROM fixiert. Ihre Struktur
beruht auf dem, was zuvor geschehen ist. Sie enthalten eine Art Gedächtnis.
Durch Wiederholung werden die Muster, die sie organisieren, zunehmend
wahrscheinlich, zunehmend gewohnheitsmäßig.
Das erste Feld irgendeines Typs, etwa das Feld der ersten Insulinkristalle oder
das Feld einer neuen Idee wie Darwins Theorie der Evolution, entsteht durch
einen kreativen Sprung. Die Quelle dieser evolutionären Kreativität ist
unbekannt. Vielleicht handelt es sich um einen Zufall, vielleicht um den
Ausdruck irgendeiner im Geist und in der Natur angesiedelten Kreativität.
Ganz gleich, wie sich dieser Ursprung erklären läßt - sobald ein neues Feld, ein
neues Organisationsmuster entstanden ist, wird dieses morphische Feld durch
Wiederholung stärker. Das gleiche Muster wird wahrscheinlich wieder auftreten.
Je häufiger Muster sich wiederholen, desto wahrscheinlicher werden sie - die
Felder enthalten eine Art von kumulativem Gedächtnis und nehmen zunehmend den
Charakter des Gewohnheitsmäßigen an. Felder entwickeln sich in der Zeit und
bilden die Basis für Gewohnheiten. Aus dieser Sicht ist die Natur prinzipiell
gewohnheitsmäßig. Selbst die so genannten «Naturgesetze» sind vielleicht eher so
etwas wie Gewohnheiten.
Informationen oder Handlungsmuster werden von einem System auf ein folgendes
System der gleichen Art durch die, wie ich es nenne, morphische Resonanz
übertragen. Bei der morphischen Resonanz handelt es sich um den Einfluss von
Gleichem auf Gleiches, von Handlungsmustern auf nachfolgende ähnliche
Handlungsmuster, ein Einfluss, der sich durch Raum und Zeit fortpflanzt. Diese
Einflüsse lassen vermutlich mit der räumlichen und zeitlichen Entfernung nicht
nach, aber sie stammen nur aus der Vergangenheit, nicht aus der Zukunft. Je
größer die Ähnlichkeit, desto stärker der Einfluss der morphischen Resonanz.
Die morphische Resonanz ist die Basis des inhärenten Gedächtnisses in Feldern
auf allen Komplexitätsebenen. Jedes morphische System, etwa ein Giraffenembryo,
«schaltet sich ein» auf vorhergehende ähnliche Systeme, in diesem Fall auf
vorhergehende sich entwickelnde Giraffen. Durch diesen Prozess greift jede
einzelne Giraffe auf ein kollektives oder vereintes Gedächtnis seiner Spezies
zurück und trägt ihrerseits dazu bei. Beim Menschen kann diese Art des
kollektiven Gedächtnisses durchaus eng mit dem verwandt sein, was der Psychologe
C. G. Jung das «kollektive Unbewusste» genannt hat.
Diese Hypothese erlaubt eine Reihe von Vorhersagen auf den Gebieten der Physik,
Chemie, Biologie, Psychologie und der Sozialwissenschaften. Uralte Systeme wie
Wasserstoffatome, Salzkristalle und Hämoglobinmoleküle werden von so starken
morphischen Feldern, so tief verwurzelten Gewohnheiten gesteuert, dass sich an
ihnen kaum eine Veränderung beobachten läßt. Sie verhalten sich, als ob sie von
fixierten Gesetzen gesteuert würden. Im Gegensatz dazu sollten neue Systeme neue
Kristalle, neue Formen von Organismen, neue Verhaltensmuster, neue Ideen eine
zunehmende Tendenz aufweisen, sich selbst hervorzubringen, je öfter sie
wiederholt werden. Sie sollten zunehmend wahrscheinlicher, immer
gewohnheitsmäßiger werden. Bei der morphischen Resonanz geht es um nichtlokale
Wirkungen im Raum wie in der Zeit. Hier ein Überblick über die hypothetischen
Eigenschaften morphischer Felder, wie ich sie in meinem Buch Das Gedächtnis der
Natur dargelegt habe:
1. Sie sind selbst organisierende Ganzheiten.
2. Sie besitzen sowohl einen räumlichen als auch einen zeitlichen Aspekt und
organisieren räumlich-zeitliche Muster von rhythmischer Aktivität.
3. Durch Anziehung führen sie das unter ihrem Einfluss stehende System zu
bestimmten Formen und Aktivitätsmustern hin, deren Entstehen sie organisieren
und deren Stabilität sie aufrechterhalten. Die End- oder Zielpunkte, auf die die
Entwicklung unter dem Einfluss der morphischen Felder zusteuert, werden
Attraktoren genannt.
4. Sie verflechten und koordinieren die morphischen Einheiten oder Holons, die
in ihnen liegen, und auch diese sind wiederum Ganzheiten mit eigenen morphischen
Feldern. Die morphischen Felder verschiedener Grade oder Ebenen sind ineinander
verschachtelt, sie bilden eine Holarchie.
5. Sie sind Wahrscheinlichkeitsstrukturen, und ihr organisierender Einfluss
besitzt Wahrscheinlichkeitscharakter.
6. Sie enthalten ein Gedächtnis, das durch Eigenresonanz einer morphischen
Einheit mit ihrer eigenen Vergangenheit und durch Resonanz mit den morphischen
Feldern aller früheren Systeme ähnlicher Art gegeben ist. Dieses Gedächtnis ist
kumulativ. Je häufiger ein bestimmtes Aktivitätsmuster sich wiederholt, desto
mehr wird es zur Gewohnheit oder zum Habitus.
In meinen Büchern Das schöpferische Universum und Das Gedächtnis der Natur habe
ich eine Vielzahl experimenteller Tests der morphischen Resonanz erörtert. Der
Erfolg aller dieser Tests hängt davon ab, inwieweit sich Veränderungen in der
Leichtigkeit oder Wahrscheinlichkeit feststellen lassen, mit der das wiederholte
Muster erneut auftritt. Mit anderen Worten: Ich habe mich auf den Aspekt der
Hypothese der Formenbildungsursachen konzentriert, den ich oben in Punkt 6
formuliert habe. Zunächst also habe ich keine Experimente vorgeschlagen, mit
denen sich der allgemeine Aspekt der Hypothese der Formenbildungsursachen testen
ließe, nämlich die Existenz der räumlich ausgedehnten Felder selbst, deren
Merkmale in den Punkten 1 bis 5 formuliert sind. Diese Frage habe ich in meinem
Buch Sieben Experimente, die die Welt verändern könnten angesprochen, und darauf
werde ich später noch eingehen.
Zusammenhänge mit der Quantenphysik
Experimente zum Testen der räumlichen Aspekte rnorphischer Felder lassen auf
eine Art von Nichtlokalität schließen, die gegenwärtig von der Schulwissenschaft
nicht anerkannt wird. Dennoch wird sich vielleicht herausstellen, dass sie mit
der Nichtlokalität oder Nichttrennbarkeit zusammenhängen, die ein integraler
Bestandteil der Quantentheorie ist und Zusammenhänge oder Korrelationen über
eine Distanz hinweg impliziert, die sich die klassische Physik nicht hätte
träumen lassen. Albert Einstein beispielsweise war die Vorstellung einer
«geistigen Aktion über eine Distanz hinweg» zutiefst zuwider - aber seine
schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Neuere Experimente beweisen,
dass diese Zusammenhänge von zentraler Bedeutung für die Physik sind. Noch sind
wir uns über ihre umfassenderen Implikationen nicht im klaren. Vielleicht hängen
sie mit dem zusammen, was ich morphische Felder nenne. Aber niemand weiß dies
bislang. Die Nichtlokalität ist einer der überraschendsten und paradoxesten
Aspekte der Quantentheorie: Teile eines Quantensystems, die in der Vergangenheit
miteinander verbunden gewesen sind, behalten eine unmittelbare Verbundenheit,
selbst wenn sie sehr weit voneinander entfernt sind. Zwei Photonen
beispielsweise, die sich per definitionem mit Lichtgeschwindigkeit bewegen und
die sich in entgegen gesetzten Richtungen von einem Atom entfernen, das sie
ausgestrahlt hat, behalten eine direkte nichtlokale Verbundenheit - wenn die
Polarisation des einen gemessen wird, weist das andere sofort die entgegen
gesetzte Polarisation auf, selbst wenn die Polarisation jedes Teilchens erst im
Augenblick der Messung ermittelt wurde.
Die zwei im Raum getrennten Teile desselben Systems sind durch ein Quantenfeld
miteinander verbunden. Aber dies ist kein Feld im gewöhnlichen Raum, sondern es
wird vielmehr mathematisch als ein vieldimensionaler Raum von Möglichkeiten
dargestellt.
Genauso wie Atome und Moleküle sind auch die Angehörigen sozialer Gruppen Teile
desselben Systems. Sie teilen sich ihre Nahrung, atmen die gleiche Luft, sind
durch ihren Geist und ihre Sinne wechselseitig miteinander verknüpft und
interagieren ständig. Wenn sie getrennt werden, können die Teile des sozialen
Systems eine nichtlokale oder untrennbare Verbundenheit behalten, vergleichbar
der in der Quantenphysik zu beobachtenden Verbundenheit.
Wenn dies der Fall ist, dann könnten morphische Felder im Sinne der
Quantentheorie neu interpretiert werden. Dies würde auf eine enorme Ausweitung
der Quantentheorie hinauslaufen, die dann auch die biologische und die soziale
Organisation umfassen müßte. Das kann durchaus ein Schritt sein, den die Physik
tun muss.
Ich habe mich mit dem Quantenphysiker David Bohm über den Zusammenhang zwischen
der Idee der morphischen Felder und seiner Theorie der impliziten Ordnung
unterhalten, einer «eingehüllten» Ordnung, die der expliziten Ordnung zugrunde
liegt - der entfalteten Welt, wie wir sie erfahren. Bohms Theorie, die auf der
Untrennbarkeit von Quantensystemen beruht, erwies sich als außerordentlich
kompatibel mit meinen eigenen Darlegungen. Diese Zusammenhänge sind auch von dem
amerikanischen Quantenphysiker Arnit Goswami sowie dem deutschen Quantenphysiker
Hans-Peter Dürr untersucht worden.
Aber möglich ist auch, dass morphische Felder ein völlig neuartiges Feld
darstellen, das noch nicht in irgendeiner Weise von der Physik beschrieben
worden ist. Dennoch hätten sie mehr mit den Feldern der Quantentheorie gemein
als mit Gravitationsfeldern oder elektromagnetischen Feldern. Ich möchte mich
nun mit Beweisen befassen, die mit dem räumlichen Aspekt morphischer Felder
zusammenhängen, und dann mit Beweisen, die die morphische Resonanz betreffen.
Experimente zu morphischen Feldern
Bislang ist es mir noch nicht gelungen, mir potentiell entscheidende Experimente
auszudenken, um die Existenz von morphischen Feldern innerhalb von Molekülen,
Kristallen, Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren zu überprüfen. Morphische
Felder wirken zusammen mit bekannten Arten von Feldern und Gradienten, und im
allgemeinen lassen sich die Wirkungen morphischer Felder nur schwer von
möglichen Wirkungen chemischer Gradienten, von Genen, elektromagnetischen
Feldern und anderen bekannten Arten der Verursachung trennen. Doch das Auftreten
von morphischen Resonanzwirkungen (siehe unten) würde die Existenz solcher
Felder implizieren und damit einen indirekten Beweis für ihre Existenz liefern.
Am einfachsten kann man morphische Felder direkt testen, indem man mit
Gesellschaften von Organismen arbeitet. Individuen lassen sich so voneinander
trennen, dass sie nicht mehr mit normalen sinnlichen Mitteln miteinander
kommunizieren können. Wenn es zwischen ihnen noch immer zu einem
Informationsaustausch kommt, würde dies die Existenz von Bindungen oder
wechselseitigen Verknüpfungen von der Art implizieren, wie sie morphische Felder
darstellen.
Als ich nach Belegen für feldartige Verbindungen zwischen Angehörigen einer
sozialen Gruppe zu suchen begann, entdeckte ich, dass ich mich in Bereiche
begab, von denen die Wissenschaft noch sehr wenig versteht. So weiß
beispielsweise niemand, warum Gesellschaften von Termiten so koordiniert sind,
dass diese kleinen, blinden Insekten komplexe Nester mit einer komplizierten
Innenarchitektur bauen können. Niemand versteht, wieso Vogelscharen oder
Fischschwärme die Richtung so rasch ändern können, ohne dass die einzelnen Tiere
miteinander zusammenstoßen. Und niemand weiß, wie die sozialen Bande beim
Menschen beschaffen sind.
Ein besonders viel versprechendes Gebiet für diese Art von Forschung sind die
Bande zwischen Menschen und Haustieren, von denen in diesem Buch die Rede war.
Nach der Hypothese der Formenbildungsursachen erstrecken sich morphische Felder
über das Gehirn hinaus in die Umwelt, wobei sie uns mit den Objekten unserer
Wahrnehmung verbinden und auf diese durch unsere Absichten und unsere
Aufmerksamkeit einwirken können. Dies ist ein weiterer Aspekt der morphischen
Felder, der sich für experimentelle Tests eignet. Dies würde bedeuten, dass wir
aufgrund solcher Felder Dinge beeinflussen können, indem wir sie einfach
anschauen - allerdings läßt sich das nicht durch die konventionelle Physik
erklären. So sind wir beispielsweise vielleicht in der Lage, jemanden zu
beeinflussen, indem wir ihn von hinten anschauen, wobei er auf keine andere
Weise wissen kann, dass wir ihn anstarren.
Das Gefühl, von hinten angestarrt zu werden, ist tatsächlich eine weit
verbreitete Erfahrung. Experimente deuten bereits daraufhin, dass es ein reales
Phänomen ist (siehe sechzehntes Kapitel). Anscheinend läßt es sich weder durch
Zufall noch durch die bekannten Sinne, noch durch die derzeit von den Physikern
anerkannten Felder erklären.
Die ungelösten Probleme der Navigation, Migration und des Heimfindeverhaltens
von Tieren beruhen vielleicht auch auf unsichtbaren Feldern, die die Tiere mit
ihren Zielen verbinden. Sie könnten praktisch wie unsichtbare Gummibänder
wirken, die sie mit ihrem Zuhause verknüpfen. In der Sprache der Dynamik
ausgedrückt, kann dieses Zuhause als Attraktor gelten.
Die morphische Resonanz in der Biologie
Wenn es so etwas wie morphische Resonanz gibt, dann müßten die Form ebenso wie
das Verhalten von Organismen ein immanentes Gedächtnis besitzen. Wie dies bei
der morphischen Resonanz generell der Fall ist, werden dann seit langem
bestehende Muster der Morphogenese und des Instinktverhaltens so stark
gewohnheitsmäßig sein, dass sich keine Veränderungen feststellen lassen. Nur im
Falle von neuen Entwicklungs- und Verhaltensmustern kann die Bildung von
Gewohnheiten beobachtet werden.
Experimente mit Fruchtfliegen haben bereits gezeigt, dass derartige Effekte auf
dem Gebiet der Morphogenese vorkommen können.
Viele Indizien sprechen auch dafür, dass sich Verhalten bei Tieren rasch
entwickeln kann, als ob sich ein kollektives Gedächtnis durch morphische
Resonanz bildet. Insbesondere sind Anpassungen im großen Maßstab im Verhalten
domestizierter Tiere auf der ganzen Welt beobachtet worden. 1947 beispielsweise
hat Roy Bedichek, seinerzeit ein bekannter texanischer Naturforscher, über
Veränderungen im Verhalten von Pferden geschrieben, die er im Laufe seines
Lebens wahrgenommen habe:
«Vor fünfzig Jahren noch wurde frank und frei erklärt, dass Stacheldraht nie für
Pferdeweiden verwendet werden könnte. Erschrockene oder herumtollende Pferde
rasten direkt hinein, schnitten sich die Kehle auf oder rissen sich große
Fleischfetzen von der Brust, und keineswegs tödliche Wunden oder bloße Kratzer
wurden von Schmeißfliegenlarven befallen. Ich kann mich noch gut an die Zeit
erinnern, als man auf texanischen Farmen oder Ranches kaum ein Pferd fand, das
nicht verängstigt war von schlimmen Erfahrungen mit Stacheldraht... Aber im
Laufe eines halben Jahrhunderts hat das Pferd gelernt, sich vor Stacheldraht zu
hüten. Fohlen rasen nur selten hinein. Der ganzen Spezies ist eine neue Angst
beigebracht worden.
Als die ersten Automobile auftauchten, ging es im Pferdewagenverkehr drunter und
drüber... Fahrzeuge gingen zu Bruch, und viele Leute brachen sich das Genick,
als sie zu Pferd dem Automobil begegneten und das Tier daran gewöhnen wollten.
Der Ruf nach Gesetzen wurde laut, Automobile von Pferden fern zu halten...
[Aber] die Haustiere haben generell ihre ursprüngliche Angst vor der Lokomotive
wie vor dem Automobil verloren.»
Bei dieser Veränderung geht es nicht einfach nur darum, dass Fohlen von ihren
Müttern lernen. Selbst wenn sie noch nie auf Stacheldraht gestoßen oder Autos
begegnet und von älteren und erfahreneren Pferden getrennt sind, reagieren die
Jungtiere heute generell nicht mehr so wie ihre Vorfahren vor 100 Jahren.
Ein anderes Beispiel. Rancher im gesamten amerikanischen Westen haben
herausgefunden, dass sie sich viel Geld für Weideroste sparen können, wenn sie
statt dessen falsche verwenden - sie malen einfach Streifen quer über die
Straße. Echte Weideroste bestehen aus einer Reihe paralleler Stahlrohre oder
-schienen mit Lücken dazwischen, so dass das Vieh nicht darüber hinweglaufen
kann, und jeder Versuch, dies zu tun, stellt eine schmerzhafte Erfahrung dar.
Doch heute unternimmt das Vieh nicht einmal den Versuch, diese Roste zu
überqueren. Die vorgetäuschten Roste funktionieren genauso wie die echten. Wenn
sich das Vieh ihnen nähert, hat mir ein Rancher erklärt, «treten sie mit allen
vier Beinen auf die Bremse».
Beruht das bloß darauf, dass Kälber vom älteren Vieh lernen, diese Roste nicht
zu überqueren? Offenbar nicht. Mehrere Rancher haben mir gesagt, dass auch
Herden, die noch nie echten Weiderosten begegnet waren, die falschen meiden. Und
Ted Friend von der Texas A & M University hat die Reaktion von mehreren hundert
Stück Vieh auf gemalte Roste getestet und herausgefunden, dass unerfahrene Tiere
sie genauso meiden wie diejenigen, die schon einmal auf echte Roste gestoßen
sind. Auch Schafe und Pferde zeigen eine Aversion dagegen, gemalte Roste zu
überqueren. Diese Aversion kann durchaus auf morphischer Resonanz von früheren
Angehörigen der Spezies beruhen, die auf schmerzhafte Weise gelernt haben, sich
vor Weiderosten zu hüten.
Es gibt viele solcher Beispiele. Auch Daten von Laborversuchen mit Ratten und
anderen Tieren zeigen, dass derartige Effekte vorkommen. Am bekanntesten sind
Experimente, in denen aufeinander folgende Generationen von Ratten gelernt
haben, aus einem Wasserlabyrinth zu entkommen. Im Laufe der Zeit ist es Ratten
in Laboratorien auf der ganzen Welt gelungen, dies immer schneller zu tun.
Bislang ist auf dem Gebiet des tierischen Lernverhaltens nur ein spezifisch
abgestimmter experimenteller Test der morphischen Resonanz durchgeführt worden.
Dieses Experiment mit einen Tag alten Küken fand im Labor eines Skeptikers
statt, bei Steven Rose an der Open University in England. Jeden Tag wurde
Scharen von frisch geschlüpften Küken ein kleines gelbes Licht (eine
Leuchtdiode) gezeigt, und sie pickten genauso danach wie nach jedem anderen
auffallenden kleinen Objekt in ihrer Umgebung. Anschließend wurde ihnen eine
Chemikalie injiziert, die bei ihnen eine leichte Übelkeit hervorrief. Sie
assoziierten das Gefühl der Übelkeit mit dem Picken nach dem gelben Licht, und
danach vermieden sie es, danach zu picken, wenn es ihnen wieder gezeigt wurde.
(Diese rasche Form des Lernens nennt man «konditionierte Abneigung».) Zur
Kontrolle wurde einer gleich großen Zahl von Küken eine kleine verchromte Perle
vorgesetzt. Nachdem sie danach gepickt hatten, wurde ihnen eine normale
Salzwasserlösung injiziert, die keine nachteiligen Wirkungen hatte und keine
Abneigung dagegen hervorrief, nach der Chromperle zu picken, wenn sie ihnen
wieder vorgesetzt wurde. Dieses Experiment ging von der Idee aus, dass spätere
Scharen von frisch geschlüpften Küken eine zunehmende Abneigung aufweisen
würden, nach dem gelben Licht zu picken, wenn es ihnen zum ersten Mal gezeigt
würde, und zwar aufgrund der morphischen Resonanz von den vorherigen Küken. Sie
würden auf ein kollektives Gedächtnis der Abneigung zurückgreifen, und je mehr
Küken eine Abneigung gegenüber dem gelben Licht «eingeimpft» würde, desto
stärker würde dieser Effekt auftreten. Bei den Kontrollküken hingegen wäre keine
derartige Abneigung gegenüber der Chromperle zu erwarten. Tatsächlich
entwickelten nachfolgende Scharen von Küken, denen die gelbe Leuchtdiode
vorgesetzt wurde, eine zunehmende Abneigung dagegen, wie dies auf der Grundlage
der morphischen Resonanz vorhergesagt war. Dieser Effekt war statistisch gesehen
signifikant.
Morphische Resonanz beim menschlichen Lernverhalten
Die morphische Resonanz erlaubt viele Folgerungen, was das Verständnis des
menschlichen Lernverhaltens betrifft, zu dem auch die Aneignung von Sprachen
gehört. Aufgrund des kollektiven Gedächtnisses, auf das einzelne Menschen
zurückgreifen und zu dem sie ihren Beitrag leisten, sollte es im allgemeinen
leichter sein, das zu lernen, was andere zuvor gelernt haben.
Diese Vorstellung entspricht ziemlich genau den Beobachtungen von Linguisten wie
Noam Chomsky, die dargelegt haben, dass der Spracherwerb bei kleinen Kindern so
rasch und kreativ erfolgt, dass er sich nicht einfach durch Nachahmung erklären
läßt. Die Struktur der Sprache ist anscheinend auf irgendeine Weise ererbt. In
seinem Buch Der Sprachinstinkt führt Steven Pinker viele Beispiele an, die diese
Idee bestätigen.
Dieser Prozess ist besonders verblüffend bei der Entwicklung neuer Sprachen, der
sehr rasch vonstatten gehen kann. Wenn Menschen, die verschiedene Sprachen
sprechen, sich miteinander verständigen müssen, aber die Sprache des anderen
nicht beherrschen, bedienen sie sich eines Notbehelfs, einer so genannten
Mischsprache wie dem Pidgin- Englisch - holpriger Wortfolgen, die der Sprache
der Kolonisatoren entlehnt sind -, ohne sich dabei groß um die Grammatik zu
kümmern. Aber in vielen Fällen ist aus so einer Mischsprache auf einen Schlag
eine vollständige komplexe Sprache geworden, wie etwa das Kreolische. Eine
Gruppe kleiner Kinder muss dann nur mit der Mischsprache in einem Alter
konfrontiert werden, in dem sie ihre Muttersprache erlernt. Historisch gesehen
passierte dies vermutlich in Gruppen von Sklavenkindern, die von einem Arbeiter
gemeinsam gehütet wurden, der zu ihnen auf Pidgin-Englisch sprach. «Da die
Kinder sich nicht damit zufrieden gaben, die fragmentarischen Wortfolgen zu
reproduzieren, fügten sie eine komplexe Grammatik ein, wo zuvor noch keine
existierte, und schon war eine ganz neue, ausdrucksstarke Sprache geboren.»
Noch bemerkenswerter ist die Entwicklung neuer Zeichensprachen. In Nicaragua
beispielsweise gab es bis vor kurzem überhaupt keine Zeichensprache, und darum
waren gehörgeschädigte Menschen isoliert. Als die Sandinistas 1979 an die Macht
kamen, wurden die ersten Schulen für Gehörgeschädigte errichtet.
«Die Schulen konzentrierten sich darauf, die Kinder im Lippenlesen und im
Sprechen zu drillen, und wie immer, wenn dies versucht wird, waren die
Ergebnisse kläglich. Aber das spielte keine Rolle. Auf den Spielplätzen und in
den Schulbussen erfanden die Kinder ihr eigenes Zeichensystem und kombinierten
es mit den Befehlsgesten, derer sie sich zu Hause bei ihren Familien bedienten.
Nach kurzer Zeit entwickelte sich aus diesem System das, was man heute die
Lenguaje de Signos Nicaragüense (LSN) nennt.»
Dieser Pidgin-Zeichensprache bedienen sich inzwischen gehörgeschädigte
Jugendliche, die die Schule besuchten, als sie zehn Jahre oder älter waren. Ganz
anders verhält es sich bei jungen Leuten, die etwa mit vier Jahren auf die
Schule kamen, als LSN bereits existierte. Sie «sprechen» eine viel komplexere
und ausdrucksvollere Sprache, die man als Idioma de Signos Nicaragüense (ISN)
bezeichnet. Diese kreolische Sprache mit ihrer logischen Grammatik wurde mit
einem Schlag geschaffen. Dazu Pinker: «Vor unseren Augen wurde eine Sprache
geboren.»
Die ererbten Pläne, die das Erlernen existierender und die Entwicklung neuer
Sprachen ermöglichen, sind nicht bloß allgemeine Prinzipien, die aus logischen
Gründen in allen Sprachen vorhanden sein müssen. Es sind eher willkürliche
Konventionen, die auch unterschiedlich gewesen sein könnten. Pinker: «Es ist,
als ob voneinander isolierte Erfinder auf wundersame Weise identische
Buchstabenbelegungen von Schreibmaschinentastaturen oder Morsezeichen oder
Verkehrszeichen entwickelt hätten.»
Chomsky wie Pinker nehmen an, dass die Fähigkeit zum Erlernen von Sprache von
einer Kodierung für universale Strukturen in der DNS abhängig sein muss, die
allen Sprachen gemeinsam sind. Sie halten es für selbstverständlich, dass jede
Erbinformation in den Genen verankert ist, und müssen daher die Existenz einer
universalen Grammatik unterstellen, weil kleine Kinder aller ethnischen Gruppen
in der Lage zu sein scheinen, jede Sprache zu erlernen ein von einer finnischen
Familie adoptiertes vietnamesisches Baby beispielsweise lernt ohne
Schwierigkeiten Finnisch.
Die morphische Resonanz bietet eine einfachere Erklärung. Das kleine Kind steht
in Resonanz sowohl mit den Menschen, die in seiner Umgebung sprechen, als auch
mit den Millionen, die die Sprache in der Vergangenheit gesprochen haben. Die
morphische Resonanz ermöglicht ihm das Erlernen der Sprache, wie sie andere
Arten von Lernen möglich macht. Genauso befördert die morphische Resonanz den
Erwerb von Zeichensprachen durch Gehörgeschädigte, die sich in frühere Benutzer
dieser Sprachen einschalten. Es ist gar nicht erforderlich, die Existenz von
Genen für normale wie für Zeichensprachen zu unterstellen, die latent in der DNS
aller Menschen schlummern.
Natürlich ist diese Interpretation der Sprachaneignung durch
Formenbildungsursachen spekulativ. Aber das ist auch die Theorie von Genen für
eine hypothetische universale Grammatik. Pinker selbst räumt ein: «Niemand hat
bislang ein Grammatik-Gen lokalisiert.»
Veränderungen des menschlichen Leistungsvermögens im Laufe der Zeit
Eine Möglichkeit, die Effekte morphischer Resonanz in einem größeren Maßstab zu
studieren, bieten bereits existierende Mengen quantitativer Daten über das
menschliche Leistungsvermögen, die im Laufe von vielen Jahren erhoben wurden.
Weist das menschliche Leistungsvermögen im Laufe der Zeit die Tendenz auf, sich
zu steigern? Offensichtlich ist dies bei Fertigkeiten wie Snowboardfahren und
Computerprogrammieren der Fall.
Aber derartige Steigerungen sind nur selten quantitativ dokumentiert, und die
Lage ändert sich ständig aufgrund von technischen Neuerungen, einer größeren
Verbreitung der entsprechenden Geräte und Ausrüstung, besseren Lehrern, sozialen
und wirtschaftlichen Kräften und so weiter. Irgendwelche morphischen
Resonanzeffekte ließen sich nur schwer im einzelnen nachweisen, selbst wenn
entsprechende quantitative Daten existierten.
Eines der wenigen Gebiete, auf denen detaillierte quantitative Daten über
Zeiträume von Jahrzehnten zur Verfügung stehen, sind die IQ- (Intelligenzquotient-)Tests.
Um 1980 ging mir auf, dass, falls es so etwas wie morphische Resonanz gibt, die
durchschnittliche Leistungsfähigkeit bei IQ-Tests zunehmen müßte, nicht weil die
Menschen intelligenter werden, sondern weil sich IQ-Tests leichter absolvieren
lassen würden - infolge der morphischen Resonanz von den Millionen Menschen, die
sich ihnen bislang bereits unterzogen haben.
Ich suchte nach Daten, mit denen sich diese Hypothese testen ließe. Ich konnte
weder eine Erörterung dieser Frage noch irgendwelche veröffentlichten Daten
finden. Daher faszinierte es mich, als sich 1982 herausstellte, dass sich die
durchschnittlichen IQ-Testergebnisse in Japan ein Jahrzehnt nach dem Zweiten
Weltkrieg um drei Prozent erhöht hatten. Kurz darauf wurde festgestellt (zur
Erleichterung vieler Amerikaner), dass die IQs in den USA sich mit einer
ähnlichen Rate erhöht hatten.
Dieser Effekt wurde in Amerika erstmals von James Flynn bei der Untersuchung der
Intelligenztests der US-Militärbehörden entdeckt. Flynn fand heraus, dass
Rekruten, die im Vergleich zu ihren Altersgefährten nur durchschnittlich
intelligent waren, über dem Durchschnitt lagen, wenn sie mit Rekruten einer
vorhergehenden Generation verglichen wurden, die exakt den gleichen Test
absolviert hatten. Niemand hatte diesen Trend bemerkt, weil Tester routinemäßig
nur Einzelergebnisse mit anderen Angehörigen der gleichen Altersgruppe
verglichen, die zur gleichen Zeit getestet wurden - zu irgendeiner Zeit wurde
das durchschnittliche IQ-Ergebnis per definitionem mit 100 angesetzt.
Inzwischen hat Flynn ermittelt, dass vergleichbare Zuwächse auch in 20 anderen
Ländern, unter anderem in Australien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien
und Holland, zu verzeichnen sind. Es wurde immer wieder versucht, diesen
«Flynn-Effekt» zu erklären, aber bislang ist dies nicht gelungen. So läßt sich
dieser Effekt beispielsweise so gut wie gar nicht auf die Übung im Absolvieren
solcher Tests zurückführen. Derartige Tests werden ohnehin seit einigen Jahren
nicht mehr so häufig durchgeführt. Auch eine bessere Bildung kann diesen Effekt
nicht erklären, ebenso wenig, wie einige Wissenschaftler meinen, die Zunahme der
Zeit, die fürs Fernsehen aufgewendet wird. Die IQ-Ergebnisse begannen sich schon
Jahrzehnte vor der Einführung des Fernsehens in den fünfziger Jahren zu erhöhen,
und dem Fernsehen wurde, wie Flynn ironisch anmerkt, gewöhnlich «ein
Verblödungseinfluß» zugeschrieben, «bis sich dieser Effekt einstellte». Je mehr
Forschungen inzwischen betrieben wurden, desto mysteriöser ist der Flynn-Effekt
geworden. Flynn selbst bezeichnet ihn als «rätselhaft». Aber die morphische
Resonanz könnte eine natürliche Erklärung liefern.
Wenn sich der Flynn-Effekt tatsächlich durch morphische Resonanz erklären läßt,
dann zeigt sich, dass derartige Resonanzeffekte relativ gering sind. Wenn
Millionen von IQ-Tests nur zu einem Anstieg von ein paar Prozent führen, dann
werden die Effekte der morphischen Resonanz bei Experimenten mit ein paar
hundert oder bestenfalls ein paar tausend Menschen wohl zu gering sein, um sie
überhaupt vor dem «statistischen Rauschen» aufgrund der großen
Leistungsschwankungen bei den einzelnen Testpersonen ausmachen zu können.
Implikationen
Die Hypothese der Formenbildungsursachen hat in allen Wissenschaftszweigen
weitreichende Implikationen.
In der Chemie, der Kristallographie und der Molekularbiologie kann man erkennen,
dass molekulare und kristalline Formen nicht von ewigen, unveränderlichen
Gesetzen bestimmt sind, sondern sich entwickeln und eine Art von Gedächtnis
besitzen. Die Erforschung des Gedächtnisses im molekularen und kristallinen
Bereich könnte letztlich zu bedeutenden technischen Anwendungen führen, etwa zu
neuartigen Computern, die durch morphische Resonanz miteinander vernetzt und mit
globalen Kollektivspeichern ausgestattet sind.
In der Biologie kann man erkennen, dass die Entwicklung von Tieren und Pflanzen
von unsichtbaren Organisationsfeldern gestaltet wird, den Trägern der
Vorfahrengewohnheiten. Zur Entwicklung biologischer Formen gehört nicht nur die
Entwicklung von Gen-Pools, sondern auch die Entwicklung der morphischen Felder
der Spezies. Durch diese Felder lassen sich, wie schon Charles Darwin angenommen
hat, erworbene Anpassungen vererben. Und wenn sich neue Gewohnheiten bilden,
kann die Evolution infolge von morphischer Resonanz viel rascher vonstatten
gehen und sich ausbreiten, als wenn sie nur von dem Transfer von Mutationsgenen
von den Eltern zum Nachwuchs abhängt.
Instinkte beruhen auf den gewohnheitsmäßigen Verhaltensfeldern der Spezies, die
die Tätigkeit des Nervensystems prägen - sie werden von Genen beeinflusst und
auch durch morphische Resonanz vererbt. Durch morphische Resonanz können sich
neu erlernte Verhaltensmuster in einer Spezies verbreiten. Das Erlernen dieser
neuen Fertigkeiten kann im Laufe der Zeit - während sie immer gewohnheitsmäßiger
werden - zunehmend leichter werden.
In der Psychologie lassen sich die Geistestätigkeiten als Felder interpretieren,
die mit den physiko-chemikalischen Aktivitätsmustern im Gehirn interagieren.
Aber diese Felder sind nicht auf das Gehirn beschränkt, sondern erstrecken sich
über den Körper hinaus in die Umwelt hinein. Diese erweiterten mentalen Felder
liegen der Wahrnehmung und dem Verhalten zugrunde. Sie ermöglichen es auch, dass
sich «paranormale» Phänomene wie das Gefühl des Angestarrtwerdens so
interpretieren lassen, dass sie als normal erscheinen. Das persönliche
Gedächtnis kann als Selbstresonanz aus der Vergangenheit eines Menschen
verstanden werden - man braucht nicht mehr davon auszugehen, dass alle
Erinnerungen als flüchtige materielle «Spuren» im Gehirn gespeichert werden
müssen. Eine weniger spezifische Resonanz mit unzähligen anderen Menschen in der
Vergangenheit verbindet uns alle mit dem kollektiven Gedächtnis unserer
Gesellschaft und Kultur und letztlich mit dem kollektiven Gedächtnis der
gesamten Menschheit.
Persönliche und kollektive Gewohnheiten unterscheiden sich nicht von ihrer Art,
sondern von ihrem Ausmaß her - beide beruhen auf morphischer Resonanz. Dieses
neue Verständnis des Gedächtnisses könnte dem Verständnis des Lernens generell
neue Impulse vermitteln und durchaus wichtige Anwendungsmöglichkeiten in
Erziehung und Bildung zur Folge haben. Unterrichtsmethoden, die die morphische
Resonanz von jenen Menschen maximieren, die in der Vergangenheit die gleiche
Sache gelernt haben, könnten zu einem effizienteren und rascheren Lernen führen.
Die morphischen Felder sozialer Gruppen würden dazu beitragen, viele ansonsten
rätselhafte Aspekte der sozialen Organisation zu erklären, wie das Verhalten
gesellschaftsbildender Insekten, von Vogelschwärmen und von menschlichen
Gesellschaften. Die Sozialwissenschaften könnten eine neue theoretische
Grundlage erhalten, und neue Wege der Forschung würden sich auftun. Das
Verständnis kultureller Formen als morphischer Felder würde ebenso unser
Verständnis des kulturellen Erbes wie den Einfluss der Ahnen auf unser Leben
revolutionieren. Richard Dawkins hat für die «Einheiten der kulturellen
Übertragung» den Begriff «Meme» geprägt, und solche Memes lassen sich als
morphische Felder interpretieren. Die morphische Resonanz würde auch ein neues
Licht auf viele religiöse Praktiken und Rituale werfen. Selbst wissenschaftliche
Paradigmen lassen sich als morphische Felder verstehen, die durch morphische
Resonanz stabilisiert werden und dazu tendieren, zunehmend gewohnheitsmäßig und
unbewusst zu werden, je häufiger sie wiederholt werden.
Der gesamte Kosmos erscheint mittlerweile als evolutionär. Die Felder von
Atomen, Molekülen, Kristallen, Planeten, Sternen und Galaxien entwickeln sich,
und wie die morphischen Felder biologischer Organismen ist auch ihre Evolution
der natürlichen Auslese unterworfen. Die Hypothese der Formenbildungsursachen
stellt somit eine Möglichkeit dar, den Entwicklungsprozess in der ganzen Natur
und nicht bloß im Reich der Biologie zu erforschen.
Aber so allgemein die Implikationen dieser Hypothese auch sein mögen, gibt es
dafür doch eine entscheidende innere Grenze. Sie mag zwar als Erklärung dafür
dienen, wie Organisationsmuster wiederholt werden - aber sie erklärt nicht, wie
sie überhaupt entstehen. Sie läßt die Frage der evolutionären Kreativität offen.
Die Idee von den Formenbildungsursachen ist mit einer Reihe verschiedener
Theorien von Kreativität vereinbar, die von der Vorstellung, alles Neue sei
letztlich eine Frage des Zufalls, bis hin zur Idee der göttlichen Kreativität
reichen.
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